Haben durch instrumentale Präsenz bestochen: (von links) die Geiger Sergey Malov und Anton Ilyunin, Dmitri Pitulko mit der Brat
Haben durch instrumentale Präsenz bestochen: (von links) die Geiger Sergey Malov und Anton Ilyunin, Dmitri Pitulko mit der Brat (Foto: Günter Vogel)
Schwäbische Zeitung
Günter Vogel

Das russische Atrium-Quartett hat im Museum Villa Rot gastiert. Die Musiker eröffneten die Kammermusikreihe mit Beethoven, Weinberg und Tschaikowski.

Die Geiger Sergey Malov und Anton Ilyunin, Dmitri Pitulko mit der Bratsche und die Cellistin Anna Gorelova eröffneten mit dem Streichquartett Nr. 2 G-Dur. Wegen seines galanten Tones wurde es später als „Komplimentierquartett“ bezeichnet.

Das Allegro lässt auch in seinem grundsätzlich klassischen Melos das knapp 20 Jahre später beginnenden Biedermeier spüren. Die Thematik entwickelt sich in lebhaften Konfigurationen. Das Adagio cantabile wird durch eben diesen sängerischen Grundklang getragen, gleichsam verziert durch schnelle Phrasen der ersten Violine. Nach einem träumerischen Zwischenmotiv geht der Satz in schnellem Tempo zu Ende. Ein fröhlich sprunghaftes Scherzo ist kein Menuett mehr, wie von Haydn und Mozart gewöhnt, kommt aber auch im klassischen Dreiertakt daher. Das sehr schnelle Presto mit dem Hauptmotiv mit empor springenden Auftakten stellt hohe technische Anforderungen an den Primarius, die dieser souverän bewältigt.

Wunderbare moderne Musik dann beim Streichquartett Nr. 8 des polnischen Komponisten Mieczysław Weinberg von 1959; seine Arbeiten sind vielfach von politischer Unterdrückung und Verfolgung geprägt. 2010 wurde bei den Bregenzer Festspielen seine wenige Jahre nach dem Streichquartett entstandene Oper „Die Passagierin“ gezeigt, die sich ebenso erschütternd wie musikalisch genial mit dem Thema „Konzentrationslager“ beschäftigt.

Das Streichquartett besteht aus einem Satz, dessen drei Hauptbereiche aber deutlich unterscheidbar sind. Die Musik beginnt mit einem breiten Largo, das einen Orgel assoziierenden Klang langsam aufbaut. Soli der ersten Violine gestalten sich auf einem Pizzicatobett der drei anderen. Die Intensität der Interpretation ist ständig angespannt; die vier Instrumente musizieren mit hohem Individualcharakter mit- und gegeneinander in brüchiger Tonalität. Wunderbare Disharmonien kommen wild chaotisch, ja aufrührerisch daher. Im Allegretto meint man, jüdische Klezmermusik zu hören. Weinberg bezeichnete sich lebenslang als Schostakowitsch-Schüler, der er eine Zeitlang in Moskau auch war. Seine Harmonien lassen auch immer wieder die Tonsprache des großen Meisters anklingen.

Und dann große russische Musik: Tschaikowskis Streichquartett Nr. 1 in D-Dur, in „moderner“ europäischer Kompositionsweise. Der erste Satz beginnt mit elegisch sehnsüchtiger Expression, entwickelt sich emphatisch und voller Temperament, „con fuoco“ mit vollem Forte der vier Streichinstrumente. Das Andante cantabile offenbart eine zauberhafte Melodie; die Legende sagt, dass es 1876 Tolstoi Tränen entlockt haben soll. Es basiert auf einem ukrainischen Volkslied. Das Cello steuert mit seelenvollen Pizzicati. Der Komponist selbst hatte eine Bearbeitung für Cello und Streichorchester geschaffen. Das Scherzo ist robust, schwermütig tänzerisch mit Assoziationen zu aufstampfenden Kosakenstiefeln. Das Finale, ein lebhaftes Allegro, klingt ebenfalls sehr tänzerisch, imaginiert vielleicht ein Dorffest, befeuert mit mitreißenden Accelerandi, mündet fortissimo in einem rasanten Schluss.

Die vier Musiker spielen ebenso transparent wie homogen. Die Brillanz von Melos und Harmonien ist greif- und hörbar. Sie bestechen durch eindrucksvolle instrumentale Präsenz und Modulationsfähigkeit. Klangliche Differenzierung und interpretatorische Tiefe waren durchgehende Gestaltungsmerkmale.

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