Das Aris-Quartett – von links die Geigerinnen Anna Katharina Wildermuth und Noémi Zipperling, Caspar Vinzens mit der Bratsche u
Das Aris-Quartett – von links die Geigerinnen Anna Katharina Wildermuth und Noémi Zipperling, Caspar Vinzens mit der Bratsche und der Cellist Lukas Sieber – glänzten in der Villa Rot. (Foto: Günter Vogel)
Schwäbische Zeitung
Günter Vogel

Das Aris-Quartett gastierte in der Villa Rot mit Werken von Mozart, Schostakowitsch und Schubert. Das Konzert war ein besonderer Höhepunkt der an meisterhaften Interpreten reichen Konzerte in diesem Ambiente.

Die Geigerinnen Anna Katharina Wildermuth und Noémi Zipperling, Caspar Vinzens mit der Bratsche und der Cellist Lukas Sieber begannen mit dem Streichquartett B-Dur KV 458 von Wolfgang Amadeus Mozart, seinem „Jagdquartett.“ Diesen Beinamen erhielt das Werk wegen des Beginns des ersten Satzes mit einem galoppierenden Sechsachteltakt-Thema, einer die Jagd mit Hörnerklang und Jagdfanfaren assoziierenden Musik mit pastoralem Wohlfühlcharakter. Das Menuett ist höfisch zeremoniös, das Trio ist ein fröhlicher Ländler der ersten Geige über einer federnden Begleitung. Klanglicher Höhepunkt des Quartetts ist das Adagio in langem Es-Dur-Atem, der pathetischen Tonart der Wiener Klassik. Auf eine wunderbare Melodie der Primaria antwortet ein lyrisches Cello. Dann das Finale Allegro assai mit ausgelassener Tanzlaune. Drei Contretänze werden nach allen Regeln der Kunst kontrapunktisch und harmonisch durchgearbeitet.

Der charakterlich totale Gegensatz dann mit dem Quartett Nr. 8 c-moll von Schostakowitsch. Er schrieb sein Quartett 1960 in der Nähe von Dresden in nur drei Tagen; es wurde ein Schlüsselwerk des Antifaschismus. Am Beginn steht ein langsames Fugato. Ein Solo der ersten Violine drückt Trauer aus, klagt, weint. Die Sätze gehen attacca ineinander über, das Ganze verdichtet sich zu konzentrierter Emotionalität.

Äußerste Klanghärten prägen den zweiten Satz, klangliche Interpretationen für faschistische Gewalt. Schier brutale unisono-Bewegungen türmen Klanglawinen auf. Das Allegretto ist ein simpler Walzer, der gebrochen als Aufschrei der gepeinigten Seele daherkommt. Im vierten Satz machen perkussive Akkordschläge das Bild einer Hinrichtung wach. Dem Komponisten waren die Szenerien der Massenhinrichtungen unter Stalin nur zu vertraut. Lange Violintöne liegen über dem Satz. Die lyrische Cellomelodie ist wie ein Abgesang auf die vielen Toten. Im Schluss-Largo setzt Schostakowitsch eine Dissonanz, die sich „morendo“ auflöst.

Franz Schuberts Quartett „Der Tod und das Mädchen“ ist erfüllt von angstvoller Todesahnung. Zwei Jahre später starb der Komponist. Das erste Allegro lässt eine sanfte Biedermeier-Melodie hören, die sofort aufgelöst wird. Stellenweise liedhaftes Melos wird immer wieder unterbrochen von unruhigen Figuren, wild aufbrausend gegen das Unabänderliche. Spannungen zwischen Tod und Leben entstehen. Ein Triolenmotiv ist ein wichtiges Klangelement.

Im Andante con moto hört man Variationen zu Schuberts Lied „Der Tod und das Mädchen“. Eine lyrische Cellomelodie wird umrahmt von kurzphrasigen Klangbewegungen der drei anderen Instrumente. Gegensätze zwischen Leben und Tod, zwischen Jugend und Vergänglichkeit prägen die Klangwelt des Satzes, der in feiner Pianokultur endet. Das Scherzothema ist weit entfernt von irgendwelcher Scherzhaftigkeit, hat eher den Charakter eines Totentanzes, assoziiert Bilder von Holbein. Das Schluss-Presto steigert die finale Stimmung, imaginiert galoppierende Pferde. Dazwischen aufblühende Melodiefetzen kommen von der Violine der Primaria.

Beim Aris-Quartett leben alle Instrumente aus einem Atemzug. Diese vier Künstler spielen so transparent und homogen, dass die Brillanz aus der Harmonisierung, den wechselseitigen klanglichen Beziehungen, aus dem Gesamtgedanken heraus hörbar wird. Geschmeidigkeit des Tons, Leuchtkraft und Brillanz in allen Stimmen sind ebenso ein Markenzeichen dieses besonderen Ensembles wie eine tiefe geistige Durchdringung der Kompositionen.

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