Zwei Kompositionen ragen heraus

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Das Duo Vadim Neselovskyi und Tamara Lukasheva sind im Jazzclub Biberach aufgetreten.
Das Duo Vadim Neselovskyi und Tamara Lukasheva sind im Jazzclub Biberach aufgetreten. (Foto: Helmut Schönecker)
Helmut Schönecker

Feinsinnig und zupackend, virtuos und schlicht – die vermeintlichen Gegensätze haben im künstlerischen Schwerkraftzentrum des aus Odessa stammenden Duos Tamara Lukasheva (Gesang) und Vadim Neselovskyi (Klavier) beim Auftaktkonzert der neuen Saison des Jazzclubs Biberach in überzeugender Weise zusammen gefunden. Die Künstler, die heute in Köln und New York leben, spürten den Wegen in ihre alte Heimat am Schwarzen Meer nach, ohne aber die Verbindung zu ihrer neuen Heimat zu verlieren.

Die vielfach ausgezeichnete ukrainische Sängerin und Komponistin Tamara Lukasheva mit musikalischen Wurzeln im Opernfach fand bereits vor ihrer Übersiedlung nach Deutschland zum Jazz. Aufnahmen mit dem Bundesjazzorchester und der WDR-Bigband, die Gründung ihres eigenen Quartetts, mit dem sie 2017 den neuen deutschen Jazzpreis gewann, sind wichtige Stationen ihrer noch jungen Karriere. Einer ihrer „Entdecker“ war der zehn Jahre ältere Berklee-Professor Vadim Neselovskyi, der sie in Odessa auf die richtige Spur brachte. Vor einem Jahr haben die beiden auch als Duo zusammen gefunden.

Die gemeinsame CD ist noch in Arbeit, die ersten Kostproben waren aber bereits in der Liveversion zu hören. Das Motto „neue und alte Heimat“ erschien dabei als roter Faden. Eröffnet wurde der Abend im Jazzclub Biberach mit Neselovskyis Komposition „Get up and go“ von dessen Trio-CD aus dem Jahr 2017. Kraftvoll zupackend, voller melodischer, rhythmischer und harmonischer Raffinesse entfaltete sich eine hochspannende Mischung. Die Einbindung der Singstimme Lukashevas ließ dabei die komplexen Strukturen transparent werden, forderte aber auch die Sängerin zu höchster Virtuosität heraus.

Gebrochene Akkorde im Klavier

Aus den weiteren Stücken ragten besonders zwei Marienkompositionen heraus. Gewissermaßen als Intro wirkte Lukashevas „Ich sehe dich, Maria“, unmittelbar gefolgt von Neselovskyis Version des „Ave Maria“. Diese war strukturell ähnlich angelegt, wie das berühmte „Ave Maria“ von Bach-Gounod. Gebrochene Akkorde im Klavier, jetzt aber reharmonisiert und jazzig eingefärbt, sowie mit der darübergelegten, erfrischend unkonventionellen Singstimme gegen den Strich gebürstet, entstand so mit Respekt vor dem Alten dennoch etwas Neues.

Ein mit zeitgemäßem Scatgesang durchsetztes, stark rhythmisch geprägtes avantgardistisches Vokalsolo („Old Houses“) und eine von Neselovsky in verblüffender Virtuosität polyphon kontrapunktierte Bebopnummer (Birdlike) des Trompeters Freddie Hubbard bildeten weitere Höhepunkte. Regelrecht unter die Haut ging das Schlussstück des Berklee-Professors „Songs my parents sing“ als Reminiszenz an die alten Lieder der gemeinsamen Heimat, kunstvoll vermischt mit Elementen aus der Gegenwart. Nach einer Zugabe entließ das Duo die Besucher.

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