Zuschauer lenken den Poeten

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Einen bösen Text über das Altern trug Lara Ermer vor.
Einen bösen Text über das Altern trug Lara Ermer vor. (Foto: Aylin Duran)
Aylin Duran

Die Welt der Worte ist vielfältig und groß – das hat Tobias Meinhold am Freitag mit seinem 18. Wortkonzert im Museum. Seit fünf Jahren wird in Biberach kräftig die Feder geschwungen: Zauberhafte Gedichte entstehen und sind bei Poetry-Slam-Veranstaltungen zu hören. Bei der Jubiläumsausgabe des Biberacher Poetry Slams traten neun Wortkünstler auf.

Eigentlich ist die Veranstaltung ein Wettbewerb, in dem der wortgewandteste Poetry Slammer ermittelt wird, der dem Publikum seinen Text am schönsten vortragen kann. Es gibt Wertetafeln, außerdem können die Zuschauer mit Punkten und der Lautstärke ihres Applauses zeigen, wie die Auftritte der jeweiligen Poetry Slammer bei ihnen angekommen sind.

„Die Teilnehmer müssen aber nicht zwangsläufig beim Wettbewerb mitmachen“, erklärt Tobias Meinhold. Schließlich koste es einiges an Überwindung, auf die Bühne zu steigen und seine Gedanken mit dem Publikum zu teilen.

Von verlorenen Gebissen

„Ich bin eigentlich ein netter Mensch. Nur auf der Bühne nicht.“, warnte Kandidatin Lara Ermer aus Fürth ihre Zuschauer. „Aber da müssen wir jetzt gemeinsam durch!“ Sie trug ein fieses Gedicht vor, das von ihrer Angst vor dem Älterwerden handelte. Früher oder später wird bekanntlich jeder alt, faltig und unfruchtbar. „Das kann einem schon Angst machen“, sagte die Psychologiestudentin, die sich in ihrem Gedicht bereits ausführlich mit verlorenen Gebissen und Windeln für Erwachsene beschäftigt hatte. Am Ende ihres Auftritts riet sie ihrem Publikum schmunzelnd: „Aber nicht zu viel Grübeln, das macht Falten!“

Mit seinem Gedicht „Lieber Sebastian“ brachte Moritz Konrad aus Karlsruhe seine Zuschauer zum Lachen. Er beschwerte sich über seinen Mitbewohner, der sich nachts mit seiner Freundin im Hochbett vergnügt. Was dem armen Sebastian das nächste Mal blühen wird, wenn er das Hochbett rhythmisch zum Quietschen bringt, hat Konrad sich bereits ausgedacht: Dann will er seinem Mitbewohner heimlich Knoblauch ins Essen mischen.

Jedoch hatten die Wortkünstler nicht nur Gedichte geschrieben, die das Publikum erheitern sollten. Jeanine Stroh aus Aalen zog mit einem traurigen, nostalgischen Liebesgedicht ebenfalls ins Finale ein. „Ich habe dich geliebt“, sagte sie in ihrem Gedicht. „Ich liebe dich immer noch. Aber die Zeit bleibt nicht stehen.“

Der Gewinner des Poetry Slams, Philipp Stroh, entführte seine Zuschauer ins Kino – landete allerdings prompt im falschen Film. Und das, obwohl er eigentlich nur losgezogen war, um Klopapier und Zigaretten einzukaufen. Das Besondere an Strohs Auftritt: Er bezog sein Publikum aktiv mit ein. Fantasy? Eine Romanze oder doch lieber ein Horrorfilm? Seine Zuschauer durften entscheiden, wie der Handlungsstrang verlaufen sollte. Und so beginnen Marmeladengläser plötzlich zu schweben, Gnome tauchen im Supermarkt auf, ein Mann erhängt sich mit einer Wurstkette. Das Publikum konnte entscheiden, wie die Geschichte letztlich endete – das kam beim Publikum gut an und war eine interessante und äußerst kreative Idee.

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