Wohlfühlatmosphäre im Biberacher Dixieland

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Helmut Schönecker

Die traditionellen Jazzstile nehmen bei den Jazzbibern traditionell keinen sehr breiten Raum ein. Umso erfreulicher ist es, dass der meist etwas älteren Fangemeinde mit dem Jazz-Frühschoppen zum Auftakt des Veranstaltungsjahres im stimmungsvollen Ambiente des Jazzkellers doch ein Event der Spitzenklasse aus diesem Genre geboten wird. Mit den Hardt Stompers hat eine über die Landesgrenzen hinaus bekannte New-Orleans-Jazzband im 40. Jahr ihres Bestehens in runderneuerter Besetzung jetzt ihre Biberach-Premiere gegeben und den Jazzkeller in ein Dixieland verwandelt.

Bei einem Sektfrühstück, bei Brezeln, Weißwurst und Weißbier konnten die Gäste zweieinhalb Stunden lang gediegenem Jazz aus der alten Schule lauschen, über die launigen Moderationen und Witze des singenden Trompeters Günter Friedhelm schmunzeln oder auch mal herzhaft lachen und sie konnten tatsächlich auch manch Neues über die alte Musik erfahren. In der klassischen Musik erscheint es den meisten Hörern völlig selbstverständlich, dass die alten Stücke mit jeder Neuinterpretation auch immer wieder neu erstehen und aus der Gegenwart heraus neu gedeutet werden. Viele der größten Komponisten, allen voran Bach, Mozart und Beethoven, waren bekannt und wurden von ihren Zeitgenossen bewundert und geschätzt als große Improvisatoren. Nicht zuletzt deshalb gilt selbst im Bereich der klassischen Musik der Begriff sklavischer Werktreue längst als entsorgt.

Umso erfreulicher ist es daher, wenn sich auch im Bereich der weitgehend improvisierten Jazzmusik die Traditionen nicht verhärten und bloße Coverversionen die Vergangenheit einfrieren und verklären wollen. Da wo Formabläufe, Melodien und Harmoniefolgen nur lockere Anhaltspunkte liefern und selbst Texte nicht mehr sakrosankt sind, da beginnt auch die alte Musik zu leben und neue Frische auszustrahlen. Was Wunder, wenn die Hardt Stompers aus diesem Geist heraus etwa den Oldie über „Alexanders Ragtimeband“ in „Alexanders Band App Song“ verwandeln und in einer brillanten Transkription mit witzigen und zeitgemäßen, mitunter gar zeitkritischen Texten versehen. Angesichts solcher Innovationen darf man auch auf die im Jubiläumsjahr entstehende vierte CD gespannt sein.

Die sechs Pfundskerle aus dem ganzen Ländle scheuten auch nicht davor zurück, karibisches Flair in ihre Cocktails zu mixen oder im Stile einer mexikanischen Mariachi-Band mit „Mama Inez“ über „Antibes“ und „Trinidad“ nach „Panama“ zu tanzen. Die Improvisationen klangen dabei immer spontan und authentisch und selbst die virtuoseren Soli – vor allem in der überaus agilen Holzbläserabteilung des Heidelbergers Manfred Schütt – wirkten immer organisch, niemals aufgesetzt oder als bloß äußerliche Zutat zum Selbstzweck eingesetzt. Die raue Kratzstimme und das expressive Trompetenspiel von Louis Armstrong wirkten in der Verkörperung durch Günter Friedhelm verblüffend echt, Wolfgang Schenk entlockte seiner Posaune selbst in der Sopranlage noch samtweiche Töne.

Bedenken, dass aufgrund rasend schneller Passagen der Zug heiß laufen könnte, erwiesen sich als grundlos. Im fliegenden Wechsel zwischen Kontrabass und Tuba fand Karl-Otto Schmidt immer den richtigen Groove. Dabei wurde er trefflich unterstützt durch den stilsicher singenden und swingenden Peter Maisenbacher an Banjo oder Gitarre sowie durch den, keinem musikalischen Spaß abgeneigten Drummer Frank Richling.

Nachdem keine Weißwurst das Konzertende überlebte, ging nach dem Zugaben-Set die Veranstaltung für viele der zufriedenen Besucher nahtlos in den Nachmittagskaffee über.

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