Wer sich fürs Essen Zeit nimmt, hat mehr davon

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 Die Teilnehmer haben in verschiedenen Experimenten ihre Sinne besser kennengelernt.
Die Teilnehmer haben in verschiedenen Experimenten ihre Sinne besser kennengelernt. (Foto: Daniel Häfele)

Bei einem Schnupperangebot der AOK-Ernährungswerkstatt haben sich zwölf Leser der „Schwäbischen Zeitung“ in Biberach auf mehrere Experimente eingelassen. Unter dem Titel „Achtsam und genussvoll essen – Achtsamkeit in der Fastenzeit trainieren“ erfuhren sie, mit welch einfachen Tipps das Essen bewusster wahrgenommen werden kann.

Reihum geht Almut Krämer und legt jedem Teilnehmer etwas Essbares in die Hand. Was das ist, wissen die neun Frauen und drei Männer nicht, weil sie ihre Augen fest geschlossen haben. Das Unbekannte fühlt sich leicht an und weist eine unebene Oberfläche auf. „So, jetzt legen wir das eine Minute lang auf unsere Zunge“, sagt die Ernährungswissenschaftlerin bei der AOK Ulm-Biberach. Die Teilnehmer folgen ihrer Anweisung, ertasten das Unbekannte vorsichtig mit ihrer Zunge. Ein leicht süßlicher Geschmack breitet sich im Mundraum aus.

Mit praktischen Beispielen wie diesem zeigte Krämer den Interessierten in knapp zwei Stunden auf, dass Essen keine bloße Nahrungsaufnahme ist. Vielmehr ist Essen ein Erleben der Sinne, für das sich viele im Alltag zu wenig Zeit nehmen. „Achtsamkeit hilft dabei, sich in der Gegenwart zu verankern“, erläutert Almut Krämer. Heißt: Nicht das Brötchen in der Mittagspause vor dem Computer hinunterschlingen, sondern sich auf die Handlung, das Kauen und Schlucken, bewusst zu konzentrieren. Das lässt sich antrainieren. Hierbei unterstützt die AOK mit dem vierteiligen Kurs „Achtsam und genussvoll essen“.

 Almut Krämer ist Ernährungswissenschaftlerin bei der AOK Ulm-Biberach.
Almut Krämer ist Ernährungswissenschaftlerin bei der AOK Ulm-Biberach. (Foto: Daniel Häfele)

Riechen, Fühlen, Schmecken, Sehen und Hören – über diese fünf Sinne verfügt der Mensch. „Jeder Sinn ist ein Instrument und zusammen ergeben sie ein Orchester“, veranschaulichte Almut Krämer. Und dieses Orchester spielt auch beim Essen auf, vorausgesetzt, man gibt ihm den nötigen Raum dafür. Eine Teilnehmerin wollte hierbei wissen, warum sie den Geruch ihres Parfüms wenige Minuten nach dem Auftragen nicht mehr wahrnimmt, während andere das tun. „Es ist sozusagen ein Impuls, der dann zurückgeht“, sagt Almut Krämer. Auf diese Weise schütze sich der Körper vor unerträglichen Gerüchen: „Würden wir die üblen Gerüche ständig und länger wahrnehmen, führt das zu psychischem Stress.“

Zurück zu dem Unbekannten, das die Teilnehmer im Mund wälzen. Nach einer Minute dürfen sie kauen, aber noch nicht schlucken. Der Geschmack wird intensiver. Es muss sich um eine Frucht handeln, die nicht knackig ist, vielmehr klebt sie etwas. Sie muss im Vorfeld getrocknet worden sein. Langsam dämmert’s: Es muss sich um eine Cranberry handeln. Überwindung hatte es die Interessierten nicht gekostet, die Beere in den Mund zu nehmen. Vielmehr sei das einminütige Ertasten mit der Zunge und das einminütige Kauen ungewohnt gewesen, lautete das Fazit der Gruppe.

„Das langsame, bewusste Kauen kann bei der Gewichtsreduktion helfen“, sagte Almut Krämer. Denn das Sättigungsgefühl setze nach einem bestimmten Zeitpunkt ein, ganz unabhängig von der gegessenen Menge: „Wer langsam und bewusst isst, wird mit weniger satt.“ Voraussetzung dafür ist aber, dass man nicht ohne Hunger isst: „Die Eintrittskarte für ein Sättigungsgefühl ist das Hungergefühl.“ Würde nur mit Hunger gegessen und bei Sättigung aufgehört werden, „könnten wir alle unser Gewicht mühelos halten“.

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