Wenn ein Huhn „mit Ankündigungscharakter“ gackert

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„Zur Konversation gackert das Huhn unbetont, gleichförmig. Hat es ein Ei gelegt, betont es den ersten ,Gack‘ triumphal.“ Werner
„Zur Konversation gackert das Huhn unbetont, gleichförmig. Hat es ein Ei gelegt, betont es den ersten ,Gack‘ triumphal.“ Werner Koczwara befasst sich mit Gesetzen, Verordnungen und juristischen Spitzfindigkeiten. (Foto: Gabi Ruf-Sprenger)
Gabi Ruf-Sprenger

Am Samstagabend hat der Kabarettist Werner Koczwara seinem Publikum in der Gigelberghalle deutlich gemacht, dass in der deutschen Rechtsprechung viel Satire steckt.

Einst schrieb er für Harald Schmidt, „Wetten, dass ..?“ und „Verstehen Sie Spaß?“. Werner Koczwara gilt als der „Erfinder des juristischen Kabaretts“. Denn seit 30 Jahren hat der Träger des Baden-Württembergischen Kleinkunstpreises großen Spaß daran, für sein Publikum den in der deutschen Ordnung enthaltenen Unsinn auf der Bühne zu zerpflücken.

Dabei kennen die Sinnlosigkeit vieler Gesetze und der Irrsinn mancher Regelungen scheinbar keine Grenzen. Fast scheint es, als seien undurchsichtige Bestimmungen und unverständliche Vorschriften einzig für das Satire-Programm von Werner Koczwara gemacht. Wer beispielsweise „in seiner Wohnung stirbt, verhält sich vertragsgemäß“ und „für sinnlose Vorgänge besteht kein Regelungsbedarf“. Werner Koczwara weiß: „Ein Gerichtsurteil hat oft mehr Pointen als mancher Berufskomiker.“ Die Bibeln der Juristen, der „Schönfelder“ und der „Sartorius“ – die beiden je zweieinhalb Kilo schweren Standardwerke, sind auch die seinen. Gerne nimmt er sich zudem noch die „Neue juristische Wochenschrift“ her. „Die wirklich wichtigen Dinge zur juristischen Alltagsbewältigung – in leicht verständlicher Sprache“, stünden jedoch im BGB, sagt Koczwara.

Bei einer Person keine Trennung nach Geschlechtern

Tatsächlich: „Schnee auf dem Autodach gehört dem Fahrzeughalter.“ Oder: „Niemand darf gegen seinen Willen aus der Haft entlassen werden.“ Urkomisch mutet die Verordnung zur Bekämpfung der San-José-Schildlaus an: „Eine Pflanze gilt dann als von der Schildlaus befallen, wenn sich an ihr nur eine Schildlaus befindet, die nicht nachweislich nicht tot ist.“ Was aber ist, wenn die Schildlaus sich nur tot stellt, fragt Werner Koczwara. Er zitiert Paragrafen und Urteilsbegründungen, wie beispielsweise aus dem Eichgesetz: „Ein blinder Unternehmer ist von der Mehrwertsteuer befreit. Dies gilt nicht, wenn der blinde Unternehmer Branntwein herstellt.“ Oder: „Besteht der Personalrat nur aus einer Person, so erübrigt sich die Trennung nach Geschlechtern.“ Zu komisch, um wahr zu sein und dennoch Realität: Die Begründung des Landessozialgerichts Brandenburg, ein Unfall sei als Arbeitsunfall zu werten, weil sich das Knie des Betroffenen auf dem Weg zur Arbeit bereits außerhalb seiner Haustüre befunden habe.

Wie absurd Klagen sein können, belegt Koczwara anhand des Reiserechts. Zum Beispiel, wenn sich Richter mit einer Klage auf Reisekostenminderung wegen „zu niedrigen Wassers bei Ebbe“ auseinandersetzen müssen oder feststellen: „Bei einer Pauschalreise nach Gran Canaria stellt es keinen Reisemangel dar, wenn sich 40 bis 50 Katzen in der Feriensiedlung aufhalten, was 0,15 Katzen pro Bungalow entspricht.“ Und: „Ein einzelner Esel im Hotel stellt auch dann keinen Mangel dar, wenn der Esel im Hotel seine Notdurft verrichtet.“ Sehr erheiternd waren die von Werner Koczwara vorgelesenen richterlichen Ausführungen auf die Klage eines Urlaubers, der im Hotelzimmer nur zwei Einzelbetten anstatt eines Doppelbettes vorfand und dadurch seine Urlaubsfreuden wesentlich gemindert sah. Tatsächlich jedoch sei es ein Reisemangel, „wenn das Kreuzfahrtschiff bei einer Karibik-Kreuzfahrt überwiegend von Schweizer Jodlergruppen belegt ist“.

Sehr anschaulich erklärt der Kabarettist aus Schwäbisch Gmünd die juristische Unterscheidung zwischen „Konversationsgegacker“ und „Legegegacker“ von Hühnern. Demnach sei Ersteres unbetont, gleichförmig, während Zweiteres eine triumphale Betonung auf dem ersten „Gack“ habe. Sozusagen: „Ein ,Gack‘ mit Ankündigungscharakter.“

Auch sein Exkurs in die schwäbischen Mundart kommt beim Publikum gut an. Gibt es Schöneres als das schwäbische Verb dafür, wenn jemand etwas zu Schweres gehoben hat? „Vrlupft – ein Vokal, umrahmt von sechs Konsonanten. Das ist eine Konstellation, die findet man sonst nur bei serbokroatischen Bergvölkern.“ In der Rechenaufgabe „Ein Bauer hat zehn Kühe“ findet sich der gesellschaftliche Irrsinn der vergangenen 50 Jahre im heiteren Dreisatz wieder.

Nicht jeder Gag zündet an diesem Abend. Mancher Witz ist inzwischen tatsächlich schon etwas angestaubt. Doch unterm Strich unterhält Werner Koczwara sein Publikum, das gerne etwas zahlreicher hätte sein dürfen, gut und singt es am Ende sogar noch auf den Nachhauseweg.

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