Welche Themen das Handwerk umtreibt

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Laura Hummler

Er arbeitet auf einem Bauernhof mit, wäscht Frauen die Haare oder portioniert in einem Metzgereibetrieb schwäbische Maultaschen: Der CDU-Landtagsabgeordnete Thomas Dörflinger schnuppert in diesen Tagen in mehrere handwerkliche Berufe im Kreis Biberach hinein. „Solche Praktika helfen bei Gesprächen und Diskussionen unglaublich“, sagt er. Doch nicht nur ihn sollen die Eindrücke weiterbringen, auch die Beschäftigten sollen etwas von dem Vorttermin haben.

Im Biberacher Friseursalon Reisacher herrscht reges Treiben. Eine Mitarbeiterin zückt die Schere, um der Frisur einer Kundin den letzten Schliff zu verpassen. Eine andere Angestellte rührt die Paste zum Färben der Haare an – und Mitten drin befindet sich der CDU-Landtagsabgeordnete für den Wahlkreis Biberach. Thomas Dörflinger hat die Gummihandschuhe übergestreift, der Politiker packt an diesem Vormittag nämlich mit an. Dörflinger möchte sich einen ganz praktischen Eindruck davon verschaffen, was es heißt, das Handwerk eines Friseurs auszuüben.

„Haare waschen, Kehren oder Kunden an den Platz führen – die Mitarbeit als Praktikant ist bei uns sehr gut möglich“, erläutert Inhaber Dirk Reisacher, der den Familienbetrieb in dritter Generation führt. Dörflinger versucht sich unter anderem in der Haarwäsche, erhält einen Einblick ins Kassensystem oder kommt mit Beschäftigten ins Gespräch. „Der Beruf fordert einen auch körperlich, die Belastung für Schultern und Rücken ist groß“, sagt Dörflinger. Ziel für ihn ist an diesem Vormittag aber auch, mehr darüber zu erfahren, was die Branche sorgt und wie die Politik helfen könnte.

Bindung von Mitarbeitern

Eine Mitarbeiterin kommt abends mit dem öffentlichen Nahverkehr nicht mehr nach Hause, das Ausfüllen von Anträgen auf Elternzeit verschlingt aufgrund bürokratischer Fallstricke wertvolle Zeit oder die schwierige Arbeitsmarktsituation bereitet Sorgenfalten – all das sind Beispiele für Themenfelder, die Reisacher anspricht. Der Biberacher ist stellvertretender Landesvorsitzender der Friseure im Südwesten.

Auch die verpflichtende Anschaffung von neuen Kassensystemen hinterlassen bei ihm und seinen Kollegen Fragezeichen: „Zu Beginn des Jahres brauchten wir neue Kassen, obwohl noch nicht klar ist, welche Systeme überhaupt vom TÜV zertifiziert werden.“ Wie Dörflinger erläutert, betreffe diese Vorgabe weitere Betriebe in der Dienstleistungsbranche: „Durch die neuen Systeme hat das Finanzamt einen lückenlosen Nachweis darüber, ob alles richtig versteuert wird.“

Beeindruckt zeigte sich Dörflinger davon, wie lange einzelne Mitarbeiter Reisacher schon die Treue halten. „Ein großes Problem für die Handwerksbetriebe ist nicht nur, Nachwuchs zu finden, sondern auch die Angestellten auf Dauer zu halten“, weiß der Politiker. Etwa zwei Drittel der im Handwerk ausgebildeten Personen verlassen im Lauf ihres Berufslebens das Handwerk, um beispielsweise in der Industrie ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Daher habe das Land das Programm „Handwerk 2025“ aufgelegt, um Betriebe bei der Mitarbeiterbindung besser zu unterstützen: „Das Praktikum heute dient auch dafür, zu schauen, ob das, was wir machen, auch funktioniert.“

Premiere bei der Metzgerei

In der Metzgerei Ruess in Unteressendorf ging Dörflinger bei der Fleischproduktion ans Werk, natürlich stets unter Aufsicht von Inhaber Steffen Ruess. Genauer half er dem dreiköpfigen Team bei der Herstellung von Bratwürsten und Maultaschen. Letztere galt es, akkurat in gleich große Stücke zu schneiden.

Zum anschließenden Gespräch mit Thomas Dörflinger waren weitere Mitglieder der Metzgerinnung Biberach gekommen. Eine solche Möglichkeit zum Gespräch zu haben wurde geschätzt, denn: „Die Aktenlage entspricht nicht unbedingt immer der Lage Vorort“, wie Dörflinger zugibt. Den Betrieb in einer Metzgerei hautnah mitzubekommen, sei an diesem Tag tatsächlich das erste Mal für ihn gewesen.

Die Filiale in Unteressendorf ist ein Kleinbetrieb, wie viele andere im Landkreis. „Hier haben wir oft das Problem, dass die rechtlichen Vorgaben, an die wir uns im Hygiene- und Tierschutzbereich halten müssen, auf größere Betriebe ausgelegt sind. Die kann man als Kleinbetrieb nicht immer stemmen“, erklärt Manuela Ruess. Auch das 2019 kommende Gesetz zur Ferkelkastration mache den Metzgern Sorgen, da die Vorgaben des Tierschutzes nur schwer beziehungsweise gar nicht einzuhalten seien. Erfreulich sei wiederum, dass die Meisterpflicht wieder eingeführt werden soll, freut sich Steffen Ruess. Denn damit seien wieder verstärkt qualifiziertere Arbeitskräfte am Werk.

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