Warum sich Sindelfinger für den Biberacher Einzelhandel interessieren

Lesedauer: 10 Min
 Sindelfingens Oberbürgermeister Bernd Vöhringer (links) und Sascha Dorday von der Wirtschaftsförderung haben bei Flavia Guterma
Sindelfingens Oberbürgermeister Bernd Vöhringer (links) und Sascha Dorday von der Wirtschaftsförderung haben bei Flavia Gutermann (Mitte) über die Situation des Biberacher Einzelhandels gesprochen. Mit Ingeborg Voss (Stadtmarketing und Tourismus, rechts) hat die Delegation mehrere Orte besucht. (Foto: Daniel Häfele)

Mit dem Gewinn des baden-württembergischen Stadtmarketingpreises ist Biberach ins Interesse anderer Städte gerückt. So hat eine Delegation aus Sindelfingen mit Oberbürgermeister Bernd Vöhringer in dieser Woche die Innenstadt erkundet, um sich über den Städtebau und die Situation des Einzelhandels zu informieren. Dabei verschwiegen die Akteure nicht, dass auch Biberach Herausforderungen zu bewältigen hat.

Als die Gäste aus Sindelfingen das Geschäft „Gutermann zum Blumenstrauß“ betreten, sind sie überrascht vom breiten Sortiment und noch ein bisschen mehr von der 446-jährigen Tradition. „Ich führe das Geschäft in der 13. Generation“, berichtet Flavia Gutermann im Gespräch mit der Delegation. Einen vergleichbaren, inhabergeführten Laden mit Hausratswaren gibt es dem Vernehmen nach in Sindelfingen nicht.

Onlinehandel ist zu spüren 

Auch sie spüre den Onlinehandel, die kostenlose erste Stunde in den Parkgaragen sei aber das „beste Marketing“ und Wochen- sowie Christkindles-Markt brächten Frequenz, schildert Flavia Gutermann. Der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Sindelfingen, Sascha Dorday, steckt ihr seine Visitenkarte zu: „Falls sie expandieren wollen.“

 Christian Heinzel erläuterte den Gästen unter anderem, wie sich die Erweiterung von Verkaufsflächen in einem historischen Gebäu
Christian Heinzel erläuterte den Gästen unter anderem, wie sich die Erweiterung von Verkaufsflächen in einem historischen Gebäude umsetzen lässt. (Foto: Daniel Häfele)

Bei Sport Heinzel informierten sich die Gäste anschließend darüber, wie Erweiterung von Verkaufsflächen in historischen Gebäuden funktionieren kann. Die Geschäftsbesuche waren nur zwei Stationen der Exkursion mit Ingeborg Voss. Die Leiterin des Sachgebiets Stadtmarketing und Tourismus zeigte der Gruppe mehrere umgestalte Plätze. Sie ergänzte das mit Bildern, was sie zuvor in einem Vortrag im Rathaus beschrieben hatte.

Biberach sei ein Mittelzentrum, das mit Städten wie Memmingen, Ulm und Ravensburg konkurriere, erläuterte Voss. Innenstadtrelevante Sortimente auf der grünen Wiese seien seit Jahren verboten: „Die Innenstadt soll das Einkaufszentrum sein.“ Demnach müsse das Zentrum für alle erreichbar sein: „Das Auto kann im ländlichen Raum nicht aus einer Innenstadt verbannt werden.“

Sanierung von Tiefgaragen

Wie viele Millionen Euro hierfür die Stadt in die Sanierung der Parkgaragen gesteckt hatte, veranschaulichte Thorsten Wölfle, Teamleiter Parkierung bei den Stadtwerken. In Anbetracht der Kosten für Instandsetzungen in Höhe von 14 Millionen Euro habe man sich beim Erweiterungsbau des Parkhauses Ulmer Tor für einen neuen Weg entschieden.

So wurde ein kathodischer Korrosionsschutz eingebaut, um die Stahlbeton-Konstruktion vor Rost zu schützen. Eine Technik, die bei der Delegation auf Interesse stieß, hat doch auch sie eine Tiefgaragensanierung auf der Agenda.

„Wir haben in der Sindelfinger Innenstadt Herausforderungen“, sagte Oberbürgermeister Bernd Vöhringer der „Schwäbischen Zeitung“. Sindelfingen liege in einem Ballungszentrum nahe Stuttgart. Hinzukomme eine grüne Wiese, die Frequenz abziehe: „Wir haben ein ganz, ganz starkes Breuningerland, eines der stärksten Häuser Deutschlands überhaupt.“

Besuche auch in Ravensburg und Nagold

Das stelle die Innenstadt und damit auch den inhabergeführten Einzelhandel vor mannigfaltige Probleme. Gleichwohl gebe es Chancen, weshalb er sich mit der Delegation Biberach, Ravensburg und Nagold anschaue: „Wir sind gerade dabei, uns Anregungen zu holen.“

Besonders beeindruckt ist Vöhringer von der Zahl der Ladengeschäfte im Verhältnis zur Einwohnerzahl. Laut Einzelhandelskompendium der Industrie- und Handelskammer (IHK) Ulm zählt Biberach 255 Ladenlokale.

 Mit Regenschirmen zog die Gruppe durch die Innenstadt.
Mit Regenschirmen zog die Gruppe durch die Innenstadt. (Foto: Daniel Häfele)

„Auch die kleineren Läden finde ich überzeugend“, sagte er und verweist auf die hohe Identifikation der Biberacher mit ihrer Stadt. In Sindelfingen sei das auch der Fall, aber nicht in diesem Ausmaß. Das attestierte auch Josef Röll von der IHK Ulm den Biberachern. Die ausgeprägte Identität und eine aktive Händlerschaft seien Erfolgsfaktoren, die nicht kopierbar seien.

Überzeugungsarbeit bei Händlern

Aber nicht alles läuft in Biberach rund, woraus Voss und Röll an diesem Vormittag keinen Hehl machten. So erinnerte Röll zum Beispiel daran, wie lange versucht worden war, Filialisten der Innenstadt fernzuhalten. „Der Filialisierungsgrad einer Innenstadt wird häufig verteufelt“, sagte Röll. „Aber wenn ein Zentrum für Filialisten nicht mehr interessant ist, dann ist die Stadt tot.“ Bekannte Marken seien verlässliche Frequenzbringer: „Müller und C&A haben der Innenstadt gut getan.“

Ingeborg Voss bezeichnete die Leerstandsquote mit vier Prozent als gering, „aber diese Zahl sagt nichts über den Bestand aus.“ Es passiere vor allem in Nebenlagen, dass ein Ladengeschäft in einen Dienstleister (zum Beispiel Versicherung) umgewandelt wird.

Geschäft kündigt sein Ende an

Bei dem Rundgang kamen die Gäste auch in der Gymnasiumstraße vorbei, wo das Geschenke und Dekorationsgeschäft „Glockengasse“ mit Plakaten im Schaufenster sein Ende ankündigt, und in der Bürgerturmstraße, wo die ehemaligen Räume von Osiander weiterhin leerstehen. Auch das Steigerlager ließ Voss nicht unerwähnt.

 Die Delegation aus Sindelfingen war in Biberach zu Gast, um sich über den Städtebau und den Einzelhandel zu informieren.
Die Delegation aus Sindelfingen war in Biberach zu Gast, um sich über den Städtebau und den Einzelhandel zu informieren. (Foto: Daniel Häfele)

Das Gratis-WLAN am Marktplatz gefalle nicht jedem, so Voss. Es gebe Überlegungen, das Angebot nachts abzuschalten, weil Menschen sich Inhalte anschauten und dabei zu laute Geräusche verursachten. Auch die „Biberach-App“ soll auf den Smartphones verschwinden und in einen Internetauftritt überführt werden, was im Sommer passieren soll. Apps seien inzwischen weniger gefragt, es gebe technische Probleme und das Aktuellhalten der Inhalte sei aufwendig, nannte sie als Gründe.

Überzeugungsarbeit hätte ihr Team teilweise auch bei der Krippen-Ausstellung in den Schaufenstern, für die Biberach den Stadtmarketing-Preis erhalten hatte, leisten müssen: „Nicht jeder Händler ist da sofort mit dabei, selbst wenn ihn das nichts kostet.“

IHK-Studie: Besucherzahlen in Innenstädten
Viele Städte der Region werden nach Messungen der IHK besser besucht - ausgerechnet für eine Großstadt gilt das nicht.
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen