Von Regenschirm bis Skyline: Tape-Kunst im Bahnhof

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Andzhelika Nenovska tapte einen Regenschirm, der als Fotoaccessoire funktioniert.
Andzhelika Nenovska tapte einen Regenschirm, der als Fotoaccessoire funktioniert. (Foto: Teresa Heinzelmann)
Teresa Heinzelmann

Eine pinke Wartehalle und glitzerndes Lamettas hat die Besucher der ersten Aktion in der „Schaustelle Bahnhof“ am vergangenen Freitag erwartet. Den Auftakt des halbjährigen Projekts der Juks in der Biberacher Bahnhofshalle machten die 15 Zehntklässler der Mali-Schule. Zur Vernissage mit Juks-Leiterin Susanne Maier spielte Musikerin Sarah D’Amico auf dem Marimbaphon.

Innerhalb von acht Stunden entwickelten die Schüler mit Tapes, also verschiedenen Klebebändern, unterschiedlichste Motive an den Wänden und Fenstern der Bahnhofshalle. Das Tapen kommt aus der Street Art und will den öffentlichen Raum gestalten. Unter der Leitung der Juks-Dozentinnen Marion Glöggler und Andrea Tiebel-Quast sowie von Margarete Hausschild, Musiklehrerin an der Mali-Schule, wurde der zehnten Klasse die Technik gezeigt – und dann freie Hand gelassen. So tapten die Jugendlichen kleine Schmetterlinge, große Gesichter oder Berlins Skyline. Schülerin Andzhelika Nenovska tapte einen Regenschirm, denn das symbolisiert die Wartehalle für sie. „Das Coole ist am Tapen, dass du es immer wieder wegmachen, also ständig verändern kannst“, sagt sie. Die Wartehalle künstlerisch umzugestalten, hat ihr gefallen. Denn, so sagt sie: „Kunst kann Gefühle ausdrücken.“

Eine Fragestellung des Konzepts ist, welche Wirkung die Gestaltung von Räumen auf den Menschen haben kann. „Früher wollte jeder an diesem Ort hier so schnell wie möglich vorbei“, erzählt die Kunst- und Medienpädagogin Marion Glöggler, „am besten noch mit Nase zu!“. Die Wartehalle ist ein Ort, den Marion Glöggler „Unort“ nennt – ein Ort, der wenig Aufmerksamkeit erhält, den niemand wirklich wahrnimmt und an dem kaum jemand gerne verweilt. Die künstlerische Intervention will das verändern und eine bewusste Wahrnehmung für bekannte Räume schaffen. Und tatsächlich erinnern die Fackeln am Eingang eher an die Auffahrt zu einer alten Villa als an die Eingangstüren eines Bahnhofs. Denn der ist jetzt nicht nur Bahnhof, sondern Aktionsraum, Kunsthalle. Er wird zur Performancebühne und zum Diskussionsort. „Der öffentliche Raum ist ein politischer Raum, ein Freiraum“ – Marion Glöggler zufolge ein Lebensraum des Miteinander.

Die Kunst gestaltet dadurch das unmittelbare Lebensumfeld und stellt Fragen: Wie verändert sich die Stimmung des Bahnhofs, wenn von drinnen ein Marimbaphon klingt? Wenn Besucher in die pinke Wartehalle kommen, um Kunst anzuschauen, während draußen ein Zug vorbei fährt? Ein „Unort“ wird zum Ort, eine Wartehalle zur Kunsthalle. Die jungen Künstler freuen sich, wenn möglichst viele die Raumänderungen miterleben.

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