Unternehmer Arthur Handtmann stirbt mit 91 Jahren

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Die Trauerfeier findet am Freitag, 27. April, um 13 Uhr in der Friedenskirche in Biberach statt. Ein Großteil der Plätze wird für geladene Gäste reserviert sein. Für Mitarbeiter und Rentner wird die Trauerfeier in geeignete Räume der Werke übertragen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrt ein junger Mann aus einem Gefangenenlager der Amerikaner nach Biberach zurück. Kein Schulabschluss, keine berufliche Ausbildung – und dann die Frage seines kranken Vaters: „Kannst Du die Firma übernehmen, ich kann nicht mehr.“ Vor dem jungen Mann stehen knapp 20 Mitarbeiter und hoffen, dass dieser den Mut aufbringt und zusagt. Keine Kohle zum Schmelzen von Metall, Strom ist Mangelware, die Absatzmöglichkeiten der Produkte eng begrenzt. „Ich will es versuchen“, sagt der Mann namens Arthur Handtmann. Heute beschäftigt der Familienbetrieb an 13 Standorten weltweit 3600 Menschen. Arthur Handtmann starb am Samstag, 14. April, mit 91 Jahren im Kreis seiner Familie. Biberach verliert damit eine herausragende Persönlichkeit.

Arthur Handtmann (rechts) im vergangenen Jahr bei seinem 90. Geburtstag mit Oberbürgermeister Norbert Zeidler.
Arthur Handtmann (rechts) im vergangenen Jahr bei seinem 90. Geburtstag mit Oberbürgermeister Norbert Zeidler. (Foto: Archiv/Daniel Häfele)

Seine Lebensgeschichte, die er bei öffentlichen Auftritten immer wieder schilderte, bewegte die Zuhörer. Geboren wurde Arthur Handtmann am 27. Februar 1927 als Kind von Kathleen und Karl Handtmann in Biberach. „Als Sohn eines Schwabens und einer Engländerin war er sowohl heimatverbunden als auch weltoffen“, teilt die Handtmann-Unternehmensgruppe am Montag mit. Der Seniorchef genoss großen Respekt bei einheimischen und zugewanderten Mitarbeitern, bei Geschäftspartnern auf der ganzen Welt sowie bei vielen weiteren Menschen: „Mit seinem Tod verlieren die Familie Handtmann und die Handtmann-Unternehmensgruppe ihr Oberhaupt, die Städte Biberach und Annaberg-Buchholz ihren Ehrenbürger und die Region Oberschwaben einen der letzten großen Unternehmer der Nachkriegszeit.“

Liebgewonnener Freund

„Für viele, auch für mich, ist er ein liebgewonnener Freund und Wegbegleiter gewesen. Er war eine Art Vaterfigur“, sagt Oberbürgermeister Norbert Zeidler der SZ. Die beiden lernten sich kennen, als Arthur Handtmann 85 Jahre alt war: „Da ging es mir wie vielen: Ich war von seiner quirligen und knitzigen Art völlig begeistert.“ Zeidler schätzte ihn nicht nur wegen seiner unternehmerischen Leistung: „Er hat sich immer sehr mit seiner Heimat Biberach identifiziert.“

So hat sich Arthur Handtmann nicht nur als wichtiger Arbeitgeber, sondern auch in sozialer Hinsicht um die Region verdient gemacht. Der Verstorbene engagierte sich im Gemeinderat. Er war Mitglied in der Vollversammlung der IHK Ravensburg sowie Ulm und gehörte sowohl dem Aufsichtsrat der Volksbank Biberach als auch dem Vorstand der Südwestmetall an. Außerdem war er Vorsitzender der Reitervereinigung Biberach, Gründungsmitglied von Rotary Biberach, Mitglied der TG Biberach, Ehrenmitglied der Schützendirektion und setzte sich für örtlichen Schulen und weitere Organisationen ein.

Ganz besonders am Herzen lag ihm das Biberacher Schützenfest. So wurde in seinem Unternehmen beispielsweise die Schwedenkanone gegossen, er produzierte verschiedene Teile der Stadion’schen Berline und unterstützte unter anderem die Kleine Schützenmusik durch Spenden von Instrumenten. Als Einziger wurde er mit allen städtischen Ehrentiteln bedacht: 1987 erhielt er die Bürgerurkunde, 1998 die Bürgermedaille, 2007 das Ehrenbürgerrecht der Stadt Biberach.

Stiftung für Mitarbeiter

Nicht nur in Biberach fanden seine Leistungen auf unterschiedlichsten Ebenen große Anerkennung. 1978 erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande, 2015 verlieh ihm der damalige stellvertretende SPD-Ministerpräsident Nils Schmid das Bundesverdienstkreuz erster Klasse. „Gut, man sagt: Biberach hat mir einiges zu verdanken. Ich meine dazu: Ich habe in dieser kleinen Stadt mein Leben verwirklichen können und viele Freunde gefunden“, so Arthur Handtmann bei seinem 90. Geburtstag im Rathaus vor mehr als einem Jahr.

Arthur Handtmanns vielseitiges Engagement rührte wohl aus seinen Erlebnissen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs her. Mit 17 Jahren wurde er zur Luftwaffe nach Danzig einberufen, im Alter von 18 Jahren fand er sich in amerikanischer Kriegsgefangenschaft wieder: „Hier habe ich mich von meiner Jugend verabschiedet und in mir ist ein Verhalten entstanden, das mir heute noch als Richtschnur dient.“ Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht, keine Nahrung, keine ärztliche Hilfe – „Schwache hatten keine Lobby und wurden gnadenlos gepiesackt“, schilderte er bei der Feier.

An seinem 90. Geburtstag machte er nicht sich, sondern seinen Mitarbeitern ein bedeutendes Geschenk. Mit seiner Frau gründete er die „Arthur und Ilse Handtmann Mitarbeiterstiftung“. Auf unbürokratische Art und Weise erhalten Mitarbeiter und Angehörige, die in eine besondere Notlage geraten, finanzielle Hilfe.

Die Mitarbeiter sind am Samstag über einen Aushang am Schwarzen Brett und per E-Mail über den Tod des Seniorchefs informiert worden. „Die Stimmung in den Werken ist sehr gedrückt, sehr leise“, sagt Personalchef Jörg Hochhausen. OB Zeidler hatte in der Vergangenheit mehrfach die Möglichkeit, mit Arthur Handtmann durch die Betriebshallen zu laufen: „Es war faszinierend zu sehen, wie er durch die Hallen gegangen ist. Er hat sich für seine Mitarbeiter Zeit genommen, um sich ihre Sorgen und Nöte anzuhören.“ Solange es sein gesundheitlicher Zustand zu ließ, ging er nahezu täglich durch die Gebäude.

Sommerlinde auf Gigelberg

Durch den Großteil seines Lebens begleitete ihn seine Frau Ilse. Die beiden feierten im vergangenen Jahr eiserne Hochzeit, über 65 Jahre waren sie verheiratet. „In diesem sehr unterschiedlichen Zeitraum von 70 Jahren habe ich in meiner Frau den besten Weggenossen gehabt“, sagte Arthur Handtmann. Sie bekamen drei Kinder: Thomas, Elisabeth und Ursula (starb im Jahr 2011). Mit 17 Enkel und zwei Urenkel ist die Nachfolge innerhalb des Unternehmens lang gesichert.

Was bleibt werden nicht nur die vielen Werke und Gebäude in der Arthur-Handtmann-Straße sowie im Aspach sein, die das Biberacher Stadtbild auch von der Luft aus prägen. Die Stadtverwaltung machte dem Jubilar zum 90. nämlich ein ganz besonderes Geschenk: Der Oberbürgermeister pflanzte mit ihm auf dem Biberacher Gigelberg eine Sommerlinde. „Diese Linde hat viele Gemeinsamkeiten mit ihm. Mit den herzförmigen Blättern symbolisiert der Baum seine Herzlichkeit, die Liebe zu seinen Mitmenschen, seinen Großmut und seine Großzügigkeit“, sagt Zeidler. Eine Linde könne nicht nur bis zu 40 Meter hoch werden, sondern auch bis zu 1000 Jahre alt.

Die Trauerfeier findet am Freitag, 27. April, um 13 Uhr in der Friedenskirche in Biberach statt. Ein Großteil der Plätze wird für geladene Gäste reserviert sein. Für Mitarbeiter und Rentner wird die Trauerfeier in geeignete Räume der Werke übertragen.

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