Tonnenweise musikalische Antidepressiva

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Musikalische Brüder im Geiste: Ralf Illenberger (links) und Peter Autschbach bei ihrem Konzert im Biberacher Jazzkeller.
(Foto: Volz)
Schwäbische Zeitung

„Jazz, we can“ steht als Antwort auf dem Rücken des T-Shirts von Gitarrist Peter Autschbach, dessen Vorderseite die Frage „II-V-I?“ zierte. Auch für Nicht-Insider war die Livedarbietung im Duo mit Ralf Illenberger im vollbesetzen Biberacher Jazzkeller eine überzeugende Antwort auf die Frage nach den Grundlagen vieler Improvisationen. Die verwendeten Dreiklänge und die Regeln zu ihrer Verbindung sind trocken und abstrakt. Es kommt darauf an, was man daraus macht. Die Beiden beherrschten dies in Perfektion.

Altmeister und Gitarren-Guru Ralf Illenberger spielte schon in den 1970er Jahren im legendären Gitarrenduo Kolbe-Illenberger, das neben erfolgreichen Plattenproduktionen auch die Titelmelodie „Music“ zur ZDF-Sendung „Drehscheibe“ lieferte. Peter Autschbach erzählte in seiner Moderation, wie er in seiner Jugend als Fan dieses Duos dessen Kompositionen nachspielte und transkribierte, die Töne heraushörte, aufschrieb und sie schließlich 2010 als „Best of Kolbe-Illenberger“ auch publizierte. Das war der eigentliche Startschuss für eine ganz besondere, generationenübergreifende Beziehung zwischen den beiden ungewöhnlichen Gitarristen, die seit zwei Jahren eine erfolgreiche Duokarriere gestartet haben.

„Einfach so drauf los spielen“

Hier haben sich zwei Gleichgesinnte gefunden, die auf derselben Wellenlänge senden und empfangen, die sich seit dem Schlüsselerlebnis durch die Aufnahme der frei improvisierten Suite „Last Afternoon“ zum Abschluss ihrer letzten CD-Produktion „No borderies“ bei jedem Konzert ohne Absprachen in eine freie Improvisationen trauen und mit vollem Risiko „einfach so drauf los spielen“.

Das sichtbare und hörbare Spielvergnügen äußert sich auf fünf akustischen Gitarren, von den schwebenden, brillanten Klangfarben der zwölfsaitigen Gitarre über den sonoren Tiefklang der seltenen Bariton-Gitarre bis ins glitzernde Flageolett in höchsten Lagen unter Ausschöpfung aller möglichen und unmöglichen Spieltechniken und Effekte.

Bereits mit den ersten gezupften Tönen entfaltete sich ein wahrer Kosmos symphonischer Gitarrenklänge. Bass- und Melodielinien und rhythmisch-harmonische Begleitpatterns, Trommelrhythmen auf dem Gitarrenkorpus verbanden sich zu einer durchdringenden Komplexität in orchestraler Dichte. Ein nicht endendes Feuerwerk atemberaubender Einfälle, gepaart mit unaufdringlich selbstverständlicher Virtuosität und größter Präzision suggerierten in vielen Kompositionen die Weite der grandiosen, sonnendurchfluteten Landschaft Arizonas. Sie ist seit 20 Jahren Illenbergers Wahlheimat und auch Entstehungsort der letzten CD.

Autschbach und Illenberger verabreichten einem begeisterten Biberacher Publikum tonnenweise Antidepressiva, selbst der Titel „November“ klang nach Sonnenschein. Nach dem letzten Stück „Veitstanz“ war folglich noch lange nicht Schluss. Gleich vier Zugaben folgten zum allseitigen Vergnügen.

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