Tierheimfest: Aufklärung ist das A und O

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Inge Seidel vom Tierschutzverein erläutert Besuchern gerne das Tierheimkonzept.
Inge Seidel vom Tierschutzverein erläutert Besuchern gerne das Tierheimkonzept. (Foto: Angela Körner-Armbruster)
Angela Körner-Armbruster

Das Biberacher Pater-Agnellus-Schneider-Tierheim hat die Besucher zwei Tage lang bei seinem Fest mit Spaß und Spiel, Vorträgen und Darbietungen unterhalten. Die zahlreichen Gäste parkten bereits vorne an der Hauptstraße. Sie kamen um einzukaufen, um die Hundevorführungen zu sehen oder selbst mitzumachen und das Tierheim durch Spenden zu unterstützen.

Bei fast allen Darbietungen dreht es sich um den Hund und die Gasthunde kläffen mit den Tierheimhunden um die Wette. Die herumschwirrenden Gesprächsfetzen drehen sich überwiegend um Dreierlei: Was kann mein Hund, was braucht mein Hund und was will ich für einen Hund? So bunt und vielfältig dieses Programm ist – es ist nur die Außenwirkung, eine bunte Werbung. Das wirklich Wichtige ist die Arbeit, die hier geleistet wird, und die bleibt im Festtrubel beinahe unsichtbar. Deshalb schaut die „Schwäbische Zeitung“ nicht auf die Hüpfburg und den Flohmarkt, sondern hinter die Kulissen zu den Menschen, die Tierheim und Bewohner am Leben erhalten.

Im Gegensatz zu dem manchmal bizarr anmutenden Rummel um den Hund steht der Gedankenanstoß von Reiner Kraft. Er ist Vereinsmitglied und sagt: „Ich spende natürlich auch gerne, weil ich weiß, dass mein Geld ohne Umwege bei den Tieren ankommt.“ Leise fügt er hinzu: „Leider sehen wir hier auch, was das Traurige unserer Gesellschaft ist: Sich Tiere anzuschaffen, ohne vorher richtig nachzudenken. Plötzlich ist alles anders, als man es sich vorgestellt hat. Oft sind ein Umzug, der Vermieter oder eine Allergie nur Ausreden. Wir kennen die Zeichen der Überforderung, dann will man das Tier loswerden. Das ist an der Ostsee nicht anders als bei uns.“ Auf die Frage, ob Tierheimtiere, speziell Hunde, besonders schwierig sind, gibt er ein klares Statement ab: „Oft ist der Mensch schuld, der will nämlich einen Vorzeigehund, schafft aber die Erziehung nicht und dann geht alles schief.“

Jochen Seidel vom Vorstand des Tierschutzvereins erzählt ungeschönt, dass aktuell „Land unter“ angesagt sei. „Wir bekommen viele Mutterkatzen mit Kindern und müssen mit Pflegestationen zusammenarbeiten. Doch trotz der Enge sind wir verantwortungsvoll. Wir würden einer jungen Familie niemals einen nicht-kindertauglichen Hund geben. Es muss immer zu beiden Seiten passen.“ Die Tierheimbesucher seien altersmäßig und gesellschaftlich querbeet und wüssten im Normalfall genau, was sie wollen und was sie tun.

Ist jemand unsicher, ist er bei Inge Seidel gut aufgehoben. Sie nimmt sich im ganzen Trubel viel Zeit, um inmitten der Kleintiere das Tierheimkonzept vorzustellen. Hier kann die Erzieherin ihre pädagogischen Fähigkeiten zugunsten der Tiere einsetzen.

„Erst kommt die Beratung, dann das Tierekucken,“ schmunzelt sie mit einer gewissen Strenge. „Reinschneien, auf zwei Tiere zeigen und ,Die nehme ich’ sagen, das klappt hier nicht. Zuerst informieren wir ausführlich über die Tierart, über Ernährung, Krankheiten, Impfungen und alle entstehenden Kosten. Wir hören sehr genau hin, ob die Tiere artgerecht untergebracht werden, ob sie ihren Instinkten gemäß leben können. Ehe die Menschen ein Tier bekommen, müssen sie ein Foto von der geplanten Unterbringung vorweisen können – und es muss auch menschlich passen.“

Die Mitarbeiter im Tierheim bieten Wissen und Hilfe an und hoffen dabei auf einen langfristigen Erfolg. Zu den 40 Hunden und 74 Katzen wurde gerade eben ein verwaistes Katzenbaby aufgenommen. Zwischen Ratten, Meerschweinchen und Hasen zeigt Inge Seidel auf einen weiteren Neuzugang: Eine Schildkröte, die in der Riß gefunden wurde und dort gestorben wäre. „Landschildkröten müssen wir wegen des Artenschutzgesetzes dem Regierungspräsidium melden“, sagt sie. „Die dürfen wir nur in Pension geben, nicht vermitteln.“

Überraschungstüten für die Tiere

Alle Tiere haben eine Geschichte. Die vier Meerschweinchen einer alten, kranken Dame, die Kaninchenfamilie aus einer Ulmer Beschlagnahmung oder der Herdenschutzhund, der auf einem Hinterhof an der Kette lebte. Inge Seidel hat auch dieses Jahr 150 Überraschungstüten für die Tiere gebastelt und gefüllt. Sabrine und Candice, zwei Schwestern mit einem Herz für Tiere, greifen gerne zu. „Wir kommen jedes Jahr und kaufen viele Lose und Tüten, um ein bisschen zu helfen. Es ist doch schlimm genug, dass die Tiere hier sind.“

Jochen Seidel freut das, denn der Katzenbereich soll saniert werden und beheizte Hundehütten sind ein Wunsch. Vielleicht erfüllt dieses Werbefest auch seinen größten Wunsch: „Fünf weitere ehrenamtliche Mitarbeiter wären echt toll.“

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