Späte Anerkennung: Biberacher Museum würdigt Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts

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 Eine Besucherin betrachtet den „Ikarus“ der Ravensburgerin Barbara Ehrmann.
Eine Besucherin betrachtet den „Ikarus“ der Ravensburgerin Barbara Ehrmann. (Foto: Angela Körner-Armbruster)
Angela Körner-Armbruster

Im Biberacher Museum werden bis 14. April oberschwäbische Künstlerinnen „Ins Licht gerückt!“, genauer gesagt: 78 Werke von 45 Frauen des 20. Jahrhunderts. Die Macher der beeindruckenden Schau bezeichnen diese Würdigung als „längst überfällig“. Gemeint ist die kleine Nachlässigkeit, wider besseren Wissens mit dieser Wertschätzung so lange gezögert zu haben. Doch nun sind sie da, die Arbeiten und sie werden sehr bewusst in Szene gesetzt und ins allerbeste Licht gerückt. Mit all ihrer sensiblen oder wilden Kreatitvität, mit filigranem Überschwang oder kühler Reduktion, mit satter Farbe oder schlichtem Weiß ringen sie um Aufmerksamkeit.

Der künftige Betrachter, der ohne Eröffnungsfeier und ohne Katalog mit den Werken konfrontiert ist, kann wohl nur schwer eintauchen in dieses Jahrhundert und den wahren Wert der Ausstellung erspüren. Uwe Degreif verwob in seiner Würdigung behutsam Kunstwissen, Gefühl und Soziologie. So bot er eine anrührende Handreichung zum besseren Verständnis dieser Frauenbiografien. Ihm gebührt als wissenschaftlichem Mitarbeiter großes Lob dafür, wie er ohne jegliches Moralisieren die Situation einer Frau und Künstlerin auffächerte.

Männerdomäne bröckelt langsam

Das Museum Biberach lenkt auf zwei Ebenen den Blick auf den Beitrag von Künstlerinnen zum Kunstgeschehen im 20. Jahrhundert. 45 Künstlerinnen, geboren zwischen 1859 und 1965. 45 Biografien, eingebettet in gesellschaftliche Veränderungen zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik. Uwe Degreif schuf ein bestürzend realistisches Bild jener Zeit. Zu seinen Puzzleteilen gehörten die gesetzliche Gleichstellung von Mann und Frau in der Weimarer Republik, das langsame Bröckeln männlicher Domänen und die Öffnung der Akademien für Frauen. Lebensmodelle, die unserer Kultur heute in Vergessenheit geraten sind. Bilder und Skulpturen, Teppiche, Keramiken und allerhand Kunsthandwerk unterschiedlichster Epochen transportieren Geschichten, Geschichte und Kunstgeschichte.

Dorothea Schrade, eine der ausstellenden Künstlerinnen, stand ebenfalls auf dem Podium. Humorvoll legte sie ihren Finger in die Wunden jener Zeit. „Was habe ich dagegen unternommen? Nichts! Ich stand ganz auf der Seite der Männer und musste es am eigenen Leib x-mal erleben, die Erniedrigungen, Kränkungen und Beleidigungen, bis ich es wagte, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen. Nach all diesen Erfahrungen habe ich eine eigene Galerie für Frauen gegründet. Sie existiert bis heute.“

Dorothea Schrades Lebenslauf erzählt von einer beachtlichen Entwicklung. Malen und sammeln, restaurieren und agitieren. Sie prägt das kulturelle Leben ihrer Region. Die Frauen, um die es in der Ausstellung geht, schauten ihren Männern bei solchen Tätigkeiten zu. Die lebensfrohe Leutkircherin Dorothea Schrade ist eine gute Rednerin, eine gute Botschafterin für die Reise durch das vergangene Kunstjahrhundert.

Wie wohltuend, dass Susanne Hinkelbein den Künstlerinnen einen einfühlsamen Rahmen gab. Mit ihr stand eine Frau auf der Bühne, die versöhnlich und ausgleichend auf Gegenwart und Zukunft verwies. Die im Biberacher Museum bereits wohlbekannte Komponistin verschenkt als Kunstschaffende Worte und Töne in reichem Maß und steht seit Jahrzehnten im Scheinwerferlicht. Ein Licht, das den Künstlerinnen der aktuellen Schau häufig verwehrt blieb. Ihnen gebührte der beobachtende, bescheidene Platz am Rand des Geschehens.

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