So wild waren die 68er in der Provinz

Lesedauer: 12 Min
Schwäbische Zeitung
Bernd Guido Weber

Der Autor Bernd Guido Weber war viele Jahre Redakteur der „Schwäbischen Zeitung“. 1950 in Wertheim am Main geboren, machte er dort 1969 Abitur. Das Jahr 1968 hat in Wertheim kaum Spuren hinterlassen, bis auf diverse Rückmeldungen von Studenten in Heidelberg oder Frankfurt. Die Auseinandersetzungen begannen später. Es ging damals eher um die neuen Töne aus Großbritannien und dem schwarzen Nordamerika. Um diverse örtliche oder regionale Bands, Mother’s Hate etwa, Weber an der Leadgitarre. Um Mädels, süßer Vogel Jugend. Und ums Rauskommen aus der Provinz. Per Anhalter, gerne nach Südfrankreich. Politisch engagierte sich Weber erst während des Studiums der Politik, Soziologie und Geschichte an der Universität Konstanz. Eine Uni ohne Muff unter den Talaren. Politaktivität mit allen Irrungen und Wirrungen, Kontakt zur Staatsgewalt inklusive. Damals hat er gelernt: Veränderungen sind notwendig, viele überfällig. Dafür muss man gewaltfrei einstehen.

1968 ist das Jahr gewaltiger Unruhen. In Berlin haben Rudi Dutschke und andere die Außerparlamentarische Opposition, die APO, ausgerufen. Rebellion der Studenten gegen eine GroKo in Bonn, die mit rund 90 Prozent der Abgeordneten durchregiert. Am 11. April 1968 fallen die Schüsse auf Rudi Dutschke, die Demos eskalieren. Der Staat beschließt Notstandsgesetze. Und der schmutzige Krieg in Vietnam geht immer weiter. Was machen da die Jugendlichen in der Provinz? Ein Blick auf zwei Städte.

Schnittchen und Ohrfeigen in Wertheim am Main

Auch fein belegte Schnittchen sind eine Waffe im Klassenkampf. Zumindest für Roland Otto. Er ist Mitschüler am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium, und wie der Verfasser dieser Zeilen Jahrgang 1950. Holger Z., Fabrikantensohn, ebenfalls am Gymi, hat zur Party in das neue Wohnhaus seiner Eltern eingeladen. Fröhliche Stimmung. Bis Roland anfängt, die von der Mutter liebevoll belegten Schnittchen, getoppt von feiner Paprikacreme, an die frisch gestrichenen Wände zu kleben. Er hört erst auf, als der Vater, ein früherer Boxer, ihn aus dem Haus zerrt. Hier fängt sich Roland ein paar kräftige Ohrfeigen, er schreit „Scheiß-Kapitalistenschwein“.

Roland Otto, Arbeitersohn aus Wertheim-Bestenheid, dem Industrieviertel, wird dadurch nicht unbedingt zur Wertheimer 68er-Ikone. Er gilt als fanatisch. Für die Schülerzeitung des Gymnasiums schreibt er viel. Zitiert Flugblätter der Studenten in Heidelberg und Frankfurt, den nächstliegenden Uni-Unruhestädten. Wertet die Zeitschrift „Konkret“ aus, über die immer wieder gemunkelt wird, sie sei DDR-finanziert. Leitartiklerin ist darin Ulrike Meinhof, Herausgeber Klaus Rainer Röhl. Die gemeinsame Tochter der beiden, Bettina Röhl, enthüllt später, dass nur durch Gelder aus dem Osten das linke Blatt am Leben gehalten wurde, inklusive der feinen Villa an der Elbe in Hamburg. So macht Kommunismus Spaß.

Otto wird’s zu eng in Wertheim, er zieht nach München. Schließt sich den Tupamaros an, überfällt eine Bank, wird sofort festgenommen. Aus einem Hafturlaub kehrt er nicht zurück, wird schließlich in Köln gefasst, bei einer blutigen Schießerei. Ein Polizist sowie Werner Sauber von der Bewegung 2. Juni werden getötet, der Arzt und Historiker Karl Heinz Roth wird lebensgefährlich verletzt. Auch er, ein Polizistensohn, kommt aus Wertheim. Ist allerdings deutlich älter, hat mit den 68ern in der Kleinstadt an Main und Tauber nichts zu tun. Höchstens als Stichwortgeber, er ist ein Wortführer des SDS, des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes. Beim späteren Prozess werden Otto und Roth freigesprochen.

In Wertheim selbst bleibt es ruhig – es fehlen Treffpunkt und revolutionäre Recken. Jungs und Mädels machen Party auf der „Haschwiese“ im Himmelreich (heißt wirklich so). Der Aufbruch der Gammler und Langhaarigen ist vor allem durch die neuen Klänge aus Großbritannien und den USA geprägt. Beatles, Stones, Jefferson Airplane, Frank Zappa. Und durch die neue sexuelle Freiheit dank Antibabypille.

Der Schreiber dieser Zeilen hat fünf Jahre klassische Gitarre gelernt, aber jetzt eine Framus vor der Brust und gründet mit anderen eine der ersten Beat&Soul-Bands der Gegend. „Mother’s Hate“ lautet der schöne Name, es gibt Auftritte in kleinen Schuppen und auch mal in größeren Hallen. Die heißen Zeiten brechen in Wertheim erst später an: Besetzung dreier Häuser im Kampf um ein selbstverwaltetes Jugendhaus. Impro-Theater auf dem Marktplatz. Großdemo gegen den Bundesparteitag der NPD.

Frischer Wind ans altehrwürdige Gymnasium kommt durch einige junge Lehrer. Studienassessor Fritz Güde etwa agitiert weniger im Unterricht, lädt dafür Schülerinnen und Schüler zur Diskussion in seine stets unaufgeräumte Wohnung ein. Ein Highlight ist sein öffentliches Streitgespräch in der Aula des Gymnasiums mit seinem Vater. Der heißt Max, ist zu dieser Zeit Generalbundesanwalt. Es geht, natürlich kontrovers, um alte Nazis in Amt und Würden. Um Vietnam. Um die Revolte. Fritz Güde wird später mit Berufsverbot belegt, sein Kollege Helmut Kommer ebenfalls. Zu einer Zeit, als auch ein gewisser Winfried Kretschmann um sein Lehrerdasein kämpfen muss.

Gegen „die Amis“ hat damals in Wertheim niemand etwas. Mehrere tausend GIs sind in den Peden Barracks stationiert, vor allem in Hubschraubereinheiten. Damals besteht der Großteil der US-Army noch aus Wehrpflichtigen – Jungs, kaum älter als man selbst, voller Hoffnungen und Pläne. Freundschaften entstehen. Und enden, wenn wieder eine neue Welle nach Vietnam verschickt wird. Zum Töten und zum Sterben.

Was geblieben ist? 68 ist das Fanal zum Aufbruch, auch in Wertheim wird es turbulent, wenn auch später. Heute erinnert sich kaum mehr jemand daran bis auf wenige übriggebliebene Alternativos. Erinnerungskultur, Aufarbeitung – nicht in der Main-Tauber-Stadt. Aber die aktiven Wertheimer Grünen gäbe es ohne diese Zeit sicher nicht. Die bekommen mittlerweile in der Altstadt die meisten Stimmen.

„Ho, Ho, Ho Chi Minh“-Rufe im oberschwäbischen Biberach

Dass ausgerechnet die damals tiefschwarze, erzkatholische Stadt Biberach zum Zentrum des 68er-Protestes in Oberschwaben wird, liegt an den Aktivisten Ekke Leupolz und Martin „Sanctus“ Heilig. Und daran, dass dort die Jugend bereits einen festen Treffpunkt hat, den Pflug-Keller. Underground, sozusagen. Ein Ort der Diskussion. Leupolz ist der radikalere, der rotbärtige Kunststudent Heilig steht eher für kreative Ideen. Eine Handvoll Gymnasiasten gründen die A.P.O., mit drei Pünktchen. Das ist zunächst eine Bewegung gegen die damalige autoritäre Pädagogik. „Schlachtet keine Lehrlämmer, sondern Direktorenschweine“ soll bei einer Demo auf Transparenten zu lesen gewesen sein. Die Jugendlichen verlegen den Unterricht auf den Marktplatz, ein „Teach-in“. Als Anfang März 1968 der NPD-Vorsitzende Adolf von Thadden in einer Halle spricht, wird die Stimmung aggressiv. „Adolf bleibt Adolf“ skandiert die A.P.O.

Zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt es aber erst beim Besuch von Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger am 22. April 1968 – von Seiten „braver Bürger“. Die A.P.O. verhindert zunächst die Rede des Kanzlers, der zuvor bereits in Konstanz unfreundlich empfangen worden ist, mit Gesängen. Kiesinger wird nervös, ruft zu seinen Anhängern „Räumen sie den Platz von den jungen Leuten“, fügt noch hinzu „aber ohne Gewalt“. Zu spät. Tumult, Bürger schlagen den Schülern die roten Vietnam-Kreuze aus der Hand, es wird heftig. Der damalige Oberbürgermeister Claus-Wilhelm Hoffmann schickt daraufhin seine Sekretärin mit dem Goldenen Buch der Stadt, in das sich Kiesinger eintragen soll, zurück ins Rathaus. In den Augen vieler ein aufrechter Mann.

Schlagzeilen macht noch eine Ausgabe der Schülerzeitung „Venceremos“, auf der vorne ein erigierter Phallus abgebildet ist. Es kommt zum Prozess vor dem Biberacher Amtsgericht wegen „Verbreitung unzüchtiger Schriften“. Der spätere EU-Kommissar Martin Bangemann verteidigt die Schüler, gewinnt. Diese ziehen währenddessen mit „Ho, Ho, Ho Chi Minh“-Rufen durch die Straßen, heißt es. Aufstand in der Provinz.

Im Gegensatz zu anderen Städten hat Biberach diese wilde Zeit nicht vergessen. Der Regisseur Peter Schmid etwa schreibt für die Gruppe „Theater ohne Namen“ das Stück „Mythos 68“. Und das Museum Biberach widmet den 68ern in diesem Jahr eine Ausstellung, vom 12. Mai bis zum 14. Oktober.

Geblieben ist in Biberach die Erinnerung an diese Zeit. Manche sagen, die Gräben sind immer noch spürbar.

Der Autor Bernd Guido Weber war viele Jahre Redakteur der „Schwäbischen Zeitung“. 1950 in Wertheim am Main geboren, machte er dort 1969 Abitur. Das Jahr 1968 hat in Wertheim kaum Spuren hinterlassen, bis auf diverse Rückmeldungen von Studenten in Heidelberg oder Frankfurt. Die Auseinandersetzungen begannen später. Es ging damals eher um die neuen Töne aus Großbritannien und dem schwarzen Nordamerika. Um diverse örtliche oder regionale Bands, Mother’s Hate etwa, Weber an der Leadgitarre. Um Mädels, süßer Vogel Jugend. Und ums Rauskommen aus der Provinz. Per Anhalter, gerne nach Südfrankreich. Politisch engagierte sich Weber erst während des Studiums der Politik, Soziologie und Geschichte an der Universität Konstanz. Eine Uni ohne Muff unter den Talaren. Politaktivität mit allen Irrungen und Wirrungen, Kontakt zur Staatsgewalt inklusive. Damals hat er gelernt: Veränderungen sind notwendig, viele überfällig. Dafür muss man gewaltfrei einstehen.

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