Seit 70 Jahren ein Paar - Diese Liebe begann unter Stalin im Bergwerk

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Helene und Jakob Kisselmann sind seit 70 Jahren Eheleute.
Helene und Jakob Kisselmann sind seit 70 Jahren Eheleute. (Foto: Vogel)
Schwäbische Zeitung
Günter Vogel

Helene und Jakob Kisselmann feiern am Montag auf dem Mittelberg nach 70 Ehejahren das Fest ihrer Gnadenhochzeit. Vor 25 Jahren kamen sie nach Biberach. Bis dahin war ihr Lebensweg, gekennzeichnet von Unterdrückung und Entbehrungen. Begonnen hatte ihr Leben an der Wolga in einem der Dörfer der Wolgadeutschen, dort besuchten sie eine deutsche Schule.

Nach Ende des Krieges wurden die Wolgadeutschen von den sowjetischen Behörden nach Kasachstan verschleppt und zur Zwangsarbeit in der sogenannten „Arbeitsarmee“ gepresst. Jakob und Helene kamen nach Karaganda. Sie mussten in der Kohlengrube arbeiten. Ihre Muttersprache Deutsch zu sprechen, war verboten. Es ging ihnen sehr schlecht, überlebt haben sie auch mit Unterstützung hilfsbereiter Kasachen. Helenes Mutter war gestorben, der Vater von Stalins Schergen erschossen worden.

Der 16-jährige Jakob und die 15-jährige Helene lebten in zwei benachbarten Baracken, begegneten sich, lernten sich kennen und lieben. 1949 wurde geheiratet durch Eintrag in irgend eine Liste, berichten sie. Mit Schwester und Schwager wurde bescheiden gefeiert. Alle zusammen erhielten dafür von der Obrigkeit 300 Gramm Schnaps, wie Jakob in Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“ erzählte.

Ihre Kohlegrubenzeit dauerte 13 Jahre, bis ein Arzt bescheinigte, dass Jakobs Rücken für die Arbeit zu geschädigt sei. Stalin war bereits 1953 gestorben, die Unterdrückung der Wolgadeutschen ließ nach, Jakob durfte unter Tage aufhören. Sie zogen in Kasachstan um, hatten bereits vier ihrer insgesamt sieben Kinder. Der Ort hieß Serenda, landschaftlich sehr schön, an einem See gelegen. Die beiden bauten ein Haus. Jakob machte alle Schreiner- und Zimmermannsarbeiten selbst. Die Tochter.

„Papa ist ein handwerkliches Genie.“ Beruflich war er als Hausmeister in einem Sanatorium beschäftigt, war auch hier handwerklich ständig beschäftigt. Zuhause hatten sie einen großen Garten, hielten Kühe und Schweine zur Selbstversorgung. Durch das dortige Leben und den nahen Wald sind alle in der Familie sehr naturverbunden. Der 92-jährige Jakob geht bis heute gerne und ausgiebig spazieren. Dabei sammelt er Kräuter, die er seit Jugendzeit kennt. Aus ihnen wird Tee gekocht, aber auch Hausmittel gegen manche Erkrankung bereitet. Helene hat es mehr mit dem Stricken und Backen. Sie kochen gemeinsam, die ehemalige Köchin Helene mit langer Erfahrung.

1994 konnten sie nach Deutschland ausreisen. Sie kamen nach Biberach, hier lebten bereits ein Sohn und eine Tochter. Nach kurzer Anfangszeit in Äpfingen zogen sie in die Kolpingstraße, wohnten dann sechs Jahre in Fünf Linden und jetzt seit 2002 am Mittelberg.

Von ihren sieben Kindern sind zwei mit 61 und 63 Jahren bereits gestorben. Alle anderen leben hier oder in der Nähe. Elf Enkel leben in Oberschwaben und in der Schweiz. 20 Urenkel bereichern die große Familie.

Urlaube gab es nur sehr gelegentlich. In Kasachstan gar nicht, von Biberach aus war man in Kroatien, in Spanien, Ungarn und auch mal in Litauen. Beiden Jubilaren geht es altersgemäß gesundheitlich zufriedenstellend. Sie haben sich immer viel bewegt, ernähren sich gesund, beste Voraussetzungen, sich auch im Alter wohl zu fühlen.

Und Tochter Helena Kisselmann fasst zusammen: „Wir sind eine fest zusammenstehende Familie, haben immer einen engen liebevollen Kontakt zueinander.“

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