Schüler erinnern an jüdische Familien

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Schüler erinnern an jüdische Familien
Gerd Mägerle

Wie sich Geschichtsunterricht in die Öffentlichkeit tragen lässt, beweist ein Projekt der Klassenstufe 11 des Gymnasiums des Bischof-Sproll-Bildungszentrums in Rißegg, das die Schüler diese Woche vorstellten und das ab Mai 2012 für alle Biberacher im Stadtbild sichtbar werden soll. In den vergangenen zwei Jahren haben sich die Schüler im Geschichtsunterricht mit den Themen Nationalsozialismus und Judenverfolgung befasst. Dabei stießen die Jugendlichen auf zwei jüdische Familien, die in Biberach Geschäfte besaßen und nach dem Boykott ihrer Läden Deutschland in der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre verließen. „Dabei sind wir auf die Idee gekommen, Geschichte vor Ort in Biberach live zu gestalten“, sagt die Elftklässlerin Ciara Baumgärtner.

In Anlehnung an das Projekt „Stolpersteine“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig, der für NS-Opfer in mehr als 500 Städten Deutschlands Gedenktafeln aus Messing verlegt hat. „Stolpersteine sind in Biberach aber nicht möglich, da die beiden jüdischen Familien in Biberach der Deportation durch ihre Auswanderung entkamen“, sagt Ciara Baumgärtner. Die Schüler wollten aber dennoch an ihrem Projekt „Gegen das Vergessen“ festhalten und setzten sich mit Ursula Maerker, der Leiterin des Stadtarchivs, und Museumsleiter Frank Brunecker in Verbindung, die vom Projekt begeistert waren. „Wir wollten schon immer etwas in diese Richtung machen, und das Schüler das nun in die Hand nehmen, finden wir ganz toll“, sagt Brunecker.

Künstler entwirft Bronzetafeln

Zusammen entstand die Idee vor den Häusern, in denen die Familien wohnten - am Marktplatz 33 und in der Hindenburgstraße 15 (damals Kronenstraße) - Gedenktafeln im Boden einzulassen. Im Auftrag der Schüler entwarf der Stuttgarter Künstler Gerold Jäggle, der in Ertingen sein Atelier hat, zwei 42 auf 32 Zentimeter große Bronzetafeln. Deren Hintergrund besteht aus parallel verlaufenden sowie sich kreuzenden Linien, die man zum einen als Lebenswege, zum anderen als Absperrgitter interpretieren kann. Darauf sind jeweils die Namen der jüdischen Geschäftsfamilien vermerkt. Weiter heißt es darauf: „Infolge der Boykottierung ihres Geschäfts durch die Nationalsozialisten verlor sie (die Familie; d. Red.) ihre Lebendgrundlage und musste Biberach verlassen. Versöhnung wird durch das Bewusstsein von Schuld möglich und mahnt uns, stets für die Menschenrechte einzutreten.“

Die Kosten für die Platten von rund 3700 Euro wollen die Schüler Spendenaktionen zusammenbekommen. Ein Zehntel davon haben sie bereits gesammelt, jetzt hoffen sie auf weitere Spender. „Wir freuen uns auch über ganz kleine Beträge“, sagt Ciara Baumgärtner (Spendenkonto siehe Infokasten)

Auf mehreren Stellwänden haben die Jugendlichen die Lebensgeschichten der jüdischen Familien sowie die grausamen Folgen des Nationalsozialismus als Anschauungsmaterial für ihre Mitschüler ausgearbeitet. Die beiden Gedenktafeln sollen am 8. Mai 2012, also am Jahrestag des Kriegsendes vor den beiden Häusern in den Gehsteig eingelassen werden. Zuvor wollen die Schüler ihr Projekt am bundesweiten Tag der Archive (4. März 2012) nochmals der Öffentlichkeit vorstellen.

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