Satire: Biberach zwischen Jungfrauengeburt und Aggro-Polis

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 Bürsten das Jahr 2018 in Biberach nochmals gegen den Strich: Die „Kehrwöchner“ (v. l.) Christopher Maier, Johannes Riedel, Chri
Bürsten das Jahr 2018 in Biberach nochmals gegen den Strich: Die „Kehrwöchner“ (v. l.) Christopher Maier, Johannes Riedel, Christoph Koch und Peter Marx. (Foto: Archivforo Gerd Mägerle)
Schwäbische Zeitung

Die Kehrwöchner (Christoph Koch, Christopher Maier, Peter Marx und Johannes Riedel) sind die Biberacher Kabarettgruppe im Ruhestand, den sie für ihren satirischen Jahresrückblick unterbrechen und kräftig durchwischen.

Biberach hat gar nicht so viel Kohle wie Baubürgermeister Kuhlmann im ZDF gesagt hat, als er die 20 000 Euro für den Schadenhofbrunnen ganz lapidar abgeschrieben hat („Wir ham’s ja!“). Unter dem aktuellen Stadthaushalt steht lediglich eine „schwarze Null“. Spötter fragen: „Wer ist das?“

Schuld hat die Doppik, die doppelte Buchführung (nicht die von Stadt und Hospital!). Die schreibt dem Stadtsäckel vor, Äpfel nicht mehr mit Birnen zu vergleichen, sondern Birnen mit Birnen unter Beachtung von Reifegrad, Sorte und Standort – oder so. Weil die bisherige Kameralistik so augenwischend listig war, heißt es jetzt: weniger Brunnen (ab)bauen, alte Stadtmitarbeiter feuern und generell „auf die Bremse treten“.

Das müssen die Biberacher auch vor den neuen Blitzern. Der in der Memminger Straße war eine Jungfrauengeburt, weil nicht ordnungsgemäß gezeugt. Empört verkündet haben diesen Blitzer-Heilandzack die heiligen drei Ratskönige der FDP (Freie Fahrt für Freie Demokraten). Nachdem das Zeidler-Zünglein an der Waage den Ausschlag gegeben hat, darf er bleiben. Und weil jetzt alle Angst haben, dort geblitzt zu werden, fahren viele einfach über den gesperrten Eselsberg (und werden dort abkassiert). Das poliert die schwarze Null, hofft der OB, weil er ja ab Februar für die Finanzen zuständig ist. Voraussetzung: Wir brettern eifrig weiter per Auto durch die Stadt und steigen nicht in die billigen Busse.

Fürs Finanzressort hat sich der OB bereits mit Abschreibungen warmgelaufen – aus den Zeitungen „Welt“ und „Die Presse“. Der Stadthäuptling schmückt sich mit fremden Federn, teils auch noch aus österreichischer Feder. Ob schlimm oder eher nicht: Auch im Monopolpressewesen gilt: Wer sich geschliffen beredt aus dem Fenster lehnt, dem guckt man auf die (langen) Finger. Der Gescholtene gelobte Besserung. Wenn er künftig zitiert, vielleicht aus der Hongkonger Zeitung „Ta Kung Pao“ oder dem Wochenblatt, wird er es wohlweislich sagen.

Das tut dem Stadtklima keinen Abbruch. Die Stadtklimaanalyse bescheinigt Biberach ein „großflächig gesundes Stadtklima“ mit Problemzonen Kernstadt und Memminger Straße (wegen des Blitzers?). Und wo klemmt’s in der Kernstadt? Baderhaus, Kachelofen, Hindenburgstraße/Ecke Schulstraße, wo die Altstadt dank eigenartiger Plakatkultur zu einer Aggro-Polis verkommt und die bröckelnden Gebäude sich dem Zustand der Akropolis nähern. Die griechische Mythologie immerhin sagt, Gerücht und Verleumdung sind verwandt (Pheme als Tochter der Diabole). Das Kehrwöchner-Orakel verkündet: Die SPD wird sich hier für eine totale Fassadenbegrünung mit griechischem Wein aussprechen.

Wenig ging übers Thema Bauen und Wohnen. Alles teuer, alles total überraschend. Beim Feuerwehrhaus kommen schlappe 270 000 Euro on top, für Zaun, W-Lan oder Elektrik. So was kann sich ein Privater nicht erlauben, eine Stadt auf Dauer auch nicht. Total neu auch die hohen Mieten, der Quadratmeterpreis im Städtle ist in den vergangenen fünf Jahren um 50 Prozent gestiegen. Wem’s zu teuer ist, der soll halt aufs Land gehen, sagt CDU-Seelsorger Mein-Gott-Walter.

Dem EBM Wersch folgt Ralf Miller. Er war zuverlässiger Kreiskämmerer und kompetenter, menschlicher und diplomatischer Interims-Manager der Kreiskliniken, als die mit Pauken und Trompeten und millionenschwerem Schotter den Bach runter sind. Von seinem baldigen Vorgänger unterscheidet ihn auch die geringere Haarpracht. Auf Kopf und Zähnen. Hört man.

Ein reges Bäumchen-Wechsel-Dich gibt es bei den Kreisbrandmeistern. In einem Amt, das früher auf Lebenszeit ausgelegt war, wirft alle paar Monate einer die Löschdecke. Vorgehaltene Hände wollen gehört haben, dass die Arbeitsbelastung deutlich größer sei als die Unterstützung aus dem Amt. Nun haben wir eine Kreisbrandmeisterin in der Männerdomäne. Vielleicht klappt es dann ja auch mit dem Chef.

Die Nachfolgediskussion für den Brunnen auf dem Schadenhof scheint durch. Zumindest kommt ein Stadtmodell in Bronze. Berücksichtigt man dabei die kubistische Bau- und die doppische Finanzentwicklung, wäre statt dem Bronzemodell eine Lego-Installation billiger und praktischer. Man könnte damit lästige Objekte aus Stadtbesitz einfach loswerden. Altes Häuschen raus, neues Klötzchen rein. Ruhig geworden ist es ebenfalls um die Nachfolge des Pestalozzihauses. Der Bürgerentscheid hat aber deutlich gemacht, dass die Abrissbirne an der Riß nicht so gut ankommt, wenn es um liebgewonnene Gebäude geht.

Im Bunten Zug am Schützenfest hat die Direktion die tollen Funky Kids zum Nachfolger ihrer selbst gemacht. Das aber erst, nachdem es einen „Bürgerentscheid“ gegeben hatte. Die Schulen der Schützenbusgemeinden Warthausen, Ummendorf und Mittelbiberach waren trotzdem dabei. Und alle Kids haben gezeigt, dass sie den Umzug funky machen.

Weg müssen die alten Märchenwagen. Olle Kamellen raus aus dem Zug! Wilhelm Busch und die Brüder Grimm sind überholt, so die Pädagogen der Schützendirektion, die sich andererseits mit dem Märchenspiel die Kasse füllt. So werden die Verantwortlichen womöglich anlässlich des 200. Schützentheater-Bestehens nicht wie geplant „Die Schöne und das Tier“ von 1756 sondern „Bob, der Baumeister, im Biberwunderland“ aufführen. „Hoffentlich wird es nicht so schlimm wie es schon ist", sagte einst Karl Valentin.

Das bringt uns zum Wechsel in der Intendanz der Kutterfestspiele: Helga nimmt den Stab von Adrian. So machen auch die Kehrwöchner zum Jahresende Platz am schwäbischen Kuttereimer und übergeben die Schlussfreigabe ihrer Texte an ihre Powerfrauen. Auf dass das Jahr 2019 weiblicher werden möge. Denn sonst haben wir ja alles.

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