„Rheingold“ glänzt golden im Zirkus

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 Dorothee Böhnisch sang die Fricka , Stamatia Gerothanasi die Freya und Nico Wouterse den Wotan.
Dorothee Böhnisch sang die Fricka , Stamatia Gerothanasi die Freya und Nico Wouterse den Wotan. (Foto: Günter Vogel)
Günter Vogel

Das Theater Pforzheim hat nach dem vorjährigen „Bettelstudent“ mit dem „Rheingold“ von Richard Wagner in der Biberacher Stadthalle gastiert. Der Regisseur, Intendant Thomas Münstermann, hat die Handlung in eine Zirkusarena verlegt und damit die Figuren vom göttlichen Podest geholt.

„Rheingold“ bildet zusammen mit den darauf folgenden drei Musikdramen „Die Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ die Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“. Im „Rheingold“ werden die grundlegenden Konflikte des Zyklus, vor allem die Kontroverse um Macht und Liebe, offengelegt.

Das Werk beginnt mit dem „Ur-Es“ der Fagotte und tiefem Blech und mit den drei Rheintöchtern Floßhilde, Wellgunde und Woglinde, naiven Naturwesen mit sympathischer körperbetonter Erotik, die einen zauberhaften Schatz besitzen, den sie in der Tiefe des Flusses hüten, das Rheingold. Dieser Schatz verliert aber seinen unschuldigen Charakter und verhilft zu endloser Macht, wenn sein Besitzer der Liebe abschwört. Woglinde: „Nur wer der Minne Macht entsagt, nur wer der Liebe Lust verjagt, nur der erzielt sich den Zauber, zum Reif zu zwingen das Gold.“ Als die Rheintöchter das Begehren des Nibelungen Alberich abweisen, entsagt der der Liebe und raubt das Gold, kann dann die Zauberkräfte des Rings aus dem Rheingold nutzen.

Alberichs Fluch

Die Riesenbrüder Fasolt und Fafner haben auftragsgemäß die Götterburg Walhall gebaut. Wotan hatte ihnen als Gegenleistung zum Schein die Göttin Freia, Schwester seiner Frau Fricka, versprochen, welche das Geheimnis der ewigen Jugend hütet. Der schlaue Loge rät ihm, Alberich den Schatz zu entwenden und den Riesen als Ersatz für Freia anzubieten. Das gelingt. Wegen des Raubs verflucht Alberich den Ring aus dem Rheingold: „Wer ihn besitzt, den sehre die Sorge, und wer ihn nicht hat, den nage der Neid“. Wotan will den Ring für sich behalten, muss ihn aber an die Riesen weitergeben. Sofort zeigt Alberichs Fluch seine Wirkung: Fafner erschlägt beim Teilen der Beute habgierig seinen Bruder Fasolt. Bei Sonnenuntergang können die Götter die Burg Walhall in Besitz nehmen. Doch die Gefahr des Fluchs ist nicht gebannt.Dieser Gefahr zu begegnen, denkt Wotan an ein besonderes Schwert, und in der 4. Szene ertönt erstmalig das Motiv dieses Schwerts „Notung“, das in dem Ring-Zyklus noch eine wichtige musikalische Rolle spielen wird. Die Rheintöchter werden erst am Ende der gesamten Tetralogie, am Schluss der „Götterdämmerung“, ihr Gold zurückerhalten.

Figuren vom Podest geholt

Der Regisseur, Intendant Thomas Münstermann, hatte die Handlung in eine Zirkusarena verlegt. Nun ist es beileibe keine neue Idee, einen Stoff in den Zirkus zu verlegen. Münstermann holte damit aber die Figuren vom göttlichen Podest. Bereits ihr Schöpfer Wagner gestaltete sie als Wesen mit großen menschlichen Schwächen. In der Pforzheimer Inszenierung wirken sie im Benehmen, zutraulich liebevoll ebenso wie arrogant abweisend, mitunter wie eine „normale“ Famile. Circensische Spezifitäten werden nur sehr behutsam eingesetzt, so etwa, als bei Wotans majestätischem Schlussmonolog „Abendlich strahlt der Sonne Auge“ dieser mit Fricka und Freia auf dem Manegenrand als einem imaginären Seil tanzen. Naja, passt nicht so ganz, Tändelei. Ansonsten hatte das Zirkusambiente keine dramaturgische Funktion.

Der Regisseur hat die musikalischen Expressionen und Pointierungen körpersprachlich in Gestus und Bewegungen der Interpreten optimal umgesetzt. Es entstand nie der Eindruck überzogener Statik, bei Wagner häufig festzustellen.

Pforzheims 1. Kapellmeister Florian Erdl gestaltete mit einem reduzierten Orchester von 50 Musikern (Wagner hat etwa 100 verlangt) in pausenlosen 140 Minuten einen nuancenreichen und harmonisch fein abgestuften Klangteppich.

Die 14 Gesangspartien waren im wesentlichen gut besetzt. Stellvertretend für alle hier einige eindrucksvolle Interpreten: Dorothee Böhnisch (Fricka), Stamatia Gerothanasi (Freia) Nico Wouterse (Wotan), Philipp Werner (Loge), Hans Gröning (Alberich).

Die Inszenierung, die musikalische und die sängerisch-schauspielerische Interpretation erhielt zu Recht einen großen Applaus. Gemessen an den künstlerischen Ansprüchen des Werks sowie den Möglichkeiten eines Hauses mittleren Rangs sah man eine interessante und ansprechende Realisierung dieser Oper, die bedauerlicherweise nur 123 Zuschauer sehen wollten.

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