Reemtsma rückt Geschichte zurecht

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Professor Jan Philipp Reemtsma referiert in Biberach über das Politikum und die unerfüllte Liebe zwischen Christoph Martin Wiela
Professor Jan Philipp Reemtsma referiert in Biberach über das Politikum und die unerfüllte Liebe zwischen Christoph Martin Wieland und der Katholikin Christine Hogel. (Foto: Wieland-Gesellschaft)
Schwäbische Zeitung

Auf Einladung der Wieland-Gesellschaft hat der Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Hamburg, Jan Philipp Reemtsma, in der Gigelberghalle einen Vortrag über Wielands unglückliche Liebe in Biberach und deren Auswirkungen auf sein literarisches Schaffen gehalten.

Ins Zentrum seiner Ausführungen stellte er dabei den Menschen Wieland in seinem privaten, beruflichen und gesellschaftlichen Umfeld und die daraus resultierenden Zwänge. Als Mitherausgeber zahlreicher Werkausgaben von Christoph Martin Wieland war Reemtsma auch maßgeblich an der Wiederherstellung von Gut Oßmannstedt beteiligt und gilt als hervorragender Wieland-Kenner.

Im Vorspann übernahm ein Moritatensänger, in der Tradition des in Biberach wohlbekannten Dr. Heinrich Bock, von einer Drehorgel begleitet, die musikalische Hinführung zum Thema. Die historischen Unschärfen und Verniedlichungen der Moritat korrigierte Reemtsma unmittelbar nach den einführenden Worten von Kulturdezernent Dr. Riedlbauer. Hiernach verhinderte nicht der „Chef der Katholen“ sondern die Parität und deren politische Implikationen die Liebe Wielands zu Christine Hogel, die Reemtsma auch nicht verniedlichend als „Bibi“ bezeichnet haben möchte. Die Hintergründe und näheren Umstände dieser rund vier Jahre dauernden, für damalige Verhältnisse recht skandalösen Affäre waren Gegenstand der weiteren, vertieften Ausführungen.

Wielands intuitives Verständnis von Moral kollidierte dabei offenkundig mit den familiären, gesellschaftlichen, politischen und religiösen Gegebenheiten in Biberach, seine anhaltenden Bemühungen um eine Legitimierung der langjährigen Beziehung stießen immer wieder auf Widerstand. Nach einigen Verwicklungen – die Eltern legten ihm unter anderem nahe, ein Fräulein Behringer zu heiraten – verspricht er der schwangeren Christine Hogel schließlich, in Absprache mit dem katholischen Pfarrer, die katholische Ehe. Die Kinder sollten jedoch protestantisch getauft werden. Als dies öffentlich bekannt wurde, sind die Magistratsmitglieder beider Konfessionen empört, weigerten sich standhaft, die Parität auch auf persönlicher Ebene zu verbessern und verboten schließlich aus politischen Gründe diese Ehe, obwohl der katholische Dekan persönlich dieser wohl zugestimmt hätte. Wieland durfte Christine Hogel fortan nicht mehr sehen, sonst hätte er seine Anstellung als Stadtschreiber und auch seine Bürgerrechte verloren. Angesichts dieser politischen Situation stand Wieland vor der Wahl, zur Erfüllung seiner Liebe Christine zu entführen und damit sein Einkommen und seinen bürgerlichen Status zu verlieren. Konvertieren war in Wielands Zeit ja ebenfalls nicht möglich, das ging erst nach der Säkularisation im frühen 19. Jahrhundert.

Dieses Dilemma Wielands ist, so Reemtsma, offenkundig auch in seine literarischen Werke eingeflossen. Die Beziehung der Geschlechter ist bei dem aufgeklärten Dichter immer asymmetrisch, er beschreibt diese als ein permanentes Machtgefälle, in dem Frauen grundsätzlich den Kürzeren ziehen, wenn sie sich auf die Konventionen einlassen. Außerhalb dieser Konventionen zu leben, war für die Frauen in der damaligen Zeit jedoch äußerst riskant und somit keine echte Alternative. Christine Hogel löste dieses Dilemma für sich selbst, indem sie einen Regimentsarzt heiratete.

Abschließend bedankte sich die Vorsitzende der Wieland-Gesellschaft Biberach, Barbara Leuchten, für die Ausführungen von Professor Reemtsma, „die einmal mehr ein helles Licht auf den Menschen Wieland geworfen haben“, mit einem Fotoband aus alten Aufnahmen der Kanzlei in der Hindenburgstraße 3.

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