Porsche, Pop und Parkinson

Lesedauer: 6 Min
Matthias Holtmann liest im Museum Biberach aus seiner Biografie.
Matthias Holtmann liest im Museum Biberach aus seiner Biografie. (Foto: Birga Woytowicz)
Birga Woytowicz

Erst wollte er seine Krankheit nicht wahrhaben, nun steht Matthias Holtmann regelmäßig auf der Bühne und spricht offen über seine Erfahrungen mit Parkinson. Zum Welt-Parkinson-Tag am Mittwoch ist der ehemalige Radiomoderator ins Museum Biberach gekommen, um vor gut 110 Besuchern aus seinem Buch „Porsche, Pop und Parkinson“ zu lesen. Die Parkinson-Selbsthilfegruppe Biberach richtete den Abend aus.

Holtmann liest im Stehen. Sein Rücken ist leicht gekrümmt, sein Kopf nach vorne gebeugt. Seine Hände sind zittrig, sein Gesichtsausdruck ist starr. Doch immer wieder stellt er seinen Zuhörern kurze Fragen oder sorgt mit trockenen Kommentaren für Schmunzler und Lacher. In diesen Momenten hat man das Gefühl, Holtmann wird lockerer. Er blickt auf, seine Augen strahlen und ein breites Grinsen ziert sein Gesicht. Seine Krankheit ist ihm anzusehen, rückt so aber in den Hintergrund.

Parkinson ist für ihn nicht lebensbestimmend, sagt er, sondern nur einer von drei Grundpfeilern seiner Geschichte und auch seines Buchs. 1950 wurde Holtmann in Kamen geboren. Von Kindheit an faszinierte ihn das Radio. Er nahm die Musik über das Mikrofon eines Tonbandgeräts auf und studierte das Musikprogramm. Worte im Radio sind für ihn „unvergängliche Spuren einer Tätowiernadel auf der blanken Haut“. Auch aus seinem Lebenslauf ist das Medium nicht wegzudenken. Holtmann machte Karriere beim damaligen Süddeutschen Rundfunk (SDR) und war Musikchef beim Sender SWR3.

Auch pflegt er eine große Vorliebe für Autos. Mit 14 sitzt er das erste Mal hinter dem Steuer, fährt regelmäßig schwarz und übt für den Führerschein: „1968 hab ich den dann in nur drei Fahrstunden gemacht.“ Ständiger Begleiter seiner Kindheit und Jugend ist Holtmanns Opa. Mit ihm teilt er nicht nur die Autoleidenschaft, sondern auch seine erste Erfahrung mit Parkinson. Sein Großvater war Landarzt und nahm ihn regelmäßig mit zu Patienten, in der Hoffnung, sein Enkel würde irgendwann seine Nachfolge antreten: „Diese Zitterer sorgten bei mir zunächst für Belustigung mit ihrem komischen Gang und dem starren Blick.“ Dass ihn dieses Schicksal selbst einmal ereilen würde, war für Holtmann damals nicht vorstellbar.

Angst vor dem Arztbesuch

Im Jahr 2006 bemerkt er die ersten Anzeichen: Er hat Schwierigkeiten mit der Handschrift, kann später nicht mehr richtig Klavier und Schlagzeug spielen. Er schweigt: „Ich dachte, das würde schon keiner merken und ging nicht zum Arzt. Ich machte viel Sport, ging laufen und schwimmen.“ Es gebe nichts, wovor er sonst im Leben Angst hat. Aber was Arztbesuche angeht, sei er „ein totaler Schisser“. Vor seiner damaligen Frau und einem guten Freund kann er seine Krankheit nicht lange verheimlichen. Schließlich geht er doch zum Arzt. Über ein Jahr hatte er gezögert: „Heute ärgere ich mich darüber. Das war dumm.“

Intelligenz nicht beeinträchtigt

Holtmann lebt inzwischen alleine. Er fährt meistens auch alleine zu seinen Auftritten. Ihm sei es wichtig, selbstständig zu bleiben. Seine Mission: „Ich möchte aufklären. Die meisten Menschen wissen nicht, was Parkinson ist. Viele glauben, ich sei betrunken oder auf Droge“. Vielen sei nicht klar, dass Parkinson das Stammhirn angreift und damit vor allem den Bewegungsapparat einschränkt. „Die Leute denken manchmal, ich bin bekloppt. Aber kognitive Fähigkeiten und Intelligenz werden nicht beeinträchtigt.“

„Vorurteile treiben die Betroffenen oft in die Isolation“, bestätigt Guntram Deichsel. Als Leiter der Selbsthilfegruppe hat er die Lesung organisiert. Gemeinsam mit seiner Frau, die an Parkinson leidet, ist er der Gruppe beigetreten.

Deichsel sieht die Krux vor allem darin, dass Parkinson nicht heilbar ist. Die Ursachen für die Krankheit sind in den meisten Fällen unklar. Aber es gibt verschiedene Therapiemöglichkeiten. Auch Holtmann geht regelmäßig zum Logopäden und macht Sport. Vor einer Behandlungsmethode schreckt er jedoch zurück: Die „Tiefe Hirnstimulation“. In einer Operation bekommt der Patient Mikroelektroden ins Gehirn implantiert. Mit schwachen Stromstößen hemmen diese bestimmte Hirnregionen und beugen dadurch den Bewegungsstörungen vor. „Ich will mir nicht im Gehirn rumfummeln lassen, da ist das Risiko zu groß“, sagt Holtmann.

Jeder Tag verlaufe anders, mal besser mal schlechter. Aber Holtmann will weitermachen und sich nicht unterkriegen lassen: „Ich will mir den Spaß nicht verderben lassen. Ich hab’ zwar Parkinson, aber im Grunde geht’s mir am Arsch vorbei.“

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen