Piemontesisches Temperament im Jazzkeller

Lesedauer: 5 Min
 Der junge italienische Liedermacher Andrea Cerrato begeistert im Jazzkeller.
Der junge italienische Liedermacher Andrea Cerrato begeistert im Jazzkeller. (Foto: Helmut Schönecker)
Schwäbische Zeitung

In einer Kooperation mit dem Verein Städte Partner Biberach hat der Jazzclub anlässlich der italienischen Woche in der Reihe seiner Freitagskonzerte ein eher ausgefallenes Konzertereignis mit dem jungen italienischen Liedermacher Andrea Cerrato ausgerichtet. Der Publikumszuspruch und eine tolle Stimmung bei allen Beteiligten übertrafen dabei die Erwartungen der Veranstalter bei weitem. Das überschäumende Temperament, eine durch sympathische Natürlichkeit bestechende Stimme, ein ausgeprägter Sinn für Poetik und der wohl angeborene Hang zum italienischen Melos des aus Asti stammenden „Cantautore“ Andrea Cerrato schlugen die Besucher von Anfang an in ihren Bann.

Die positive Lebenseinstellung des piemontesischen Tausendsassas kam in seiner beinahe drolligen italienisch-englischen Moderation beinahe ebenso gut rüber, wie in seinen selbstkomponierten Songs – Pardon: „canzones“- in denen er von der „unergründlichen Magie des Lebens“ erzählt. Und dies in jener typisch italienischen Weise, die zwar Gemeinsamkeiten zum französischen „Chansonnière“ im „Nouvelle Chanson“, zum deutschen „Liedermacher“ oder auch zum englischen „Singer-Songwriter“ aufweist aber eben auch die spezifisch italienische Note aufweist, die beim heimischen Publikum so hoch geschätzt wird. Einige der Gründe dürften in der bodenständigen Thematik seiner Lieder, in der unmittelbaren Natürlichkeit ihrer Darbietung, in der unverkopften Direktheit des Ausdrucks liegen.

Schwebende Leichtigkeit

Wenn er in entrückter Sentimentalität von seinen „Due Papà“ erzählt, in balladenhafter Eindringlichkeit, eingebettet in ein von elektronischen Helferlein generiertes, harmonisches Sound-Ambiente in „Stella“ nach den Sternen greift oder in „A me mi piace“ mit lateinamerikanischen Rhythmen unterlegt vom individuellen Weg zum Glück singt, springen einfach die Funken über. Als Hommage an das italophile Publikum gab es auch eine Cover-Version von „Azzurro“ in den keinesfalls zu großen Fußstapfen von Paolo Conte und Adriano Celentano zu hören. In synkopisch schwebender Leichtigkeit bekannte er sich auch zu der anglophilen Singer-Songwriter Tradition mit einer munter groovenden, durchaus eigenständigen Version von Stings „Englishman in New York“ mit improvisierten Gitarren-Fill-Ins über vielschichtigen Loopschleifen.

Dass der virtuose Umgang mit der Loop-Maschine, einigen elektronischen Drum-Pads und natürlich einer souverän beherrschten Gitarre sowie seiner ungewöhnlich wandlungsfähigen Singstimme Andrea Cerrato zu einer One-Man-Band werden ließ, soll seine beiden Mitstreiter nicht zurücksetzen. Gleichwohl agierten sie bei diesem Auftritt in eher dienender Funktion. Mit einem vielseitigen Nord-Elektro-Piano klangtechnisch auf der Höhe der Zeit, erwies sich Albero Pozzo Tebani als dezenter Begleiter in Sachen Harmonik und Rhythmus. Solistisch oder improvisatorisch trat er kaum in Erscheinung. Auch der als „special guest“ angekündigte Italo Colombo an der Mundharmonika war überwiegend eine klangliche Bereicherung im Hintergrund ohne eigene gestalterische Impulse. Gelegentliche kürzere, mitunter dialogisch im Wechsel mit der Gitarre improvisierte Teile zeigten immerhin, was er bei größeren Freiräumen zu bieten gehabt hätte. Erst nach mehreren Zugaben, stehenden Ovationen und einem zeitgemäßen „Selfie“ des Künstlers mit jubelndem Publikum im Rücken konnte schließlich die Bühne geräumt und der multilingual parlierende Part des Abends eingeleitet werden: gelebte Partnerschaft.

Meist gelesen in der Umgebung
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen