Oliver Twist lebt

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Mit Musik, Tanz und Schauspielkunst haben Schüler in der Stadthalle ihr Publikum begeistert.
Mit Musik, Tanz und Schauspielkunst haben Schüler in der Stadthalle ihr Publikum begeistert. (Foto: Vogel)
Günter Vogel

Die Jugendkunstschule (Juks) und das Pestalozzi-Gymnasium haben unter der musikalischen Leitung und Regie von Christoph Hagel in der Stadthalle das Musical „Oliver“ von Lionel Bart vorgestellt. Musik, Tanz und Schauspielkunst – ein Genuss für Auge und Ohr.

Eindringlich erzählt Charles Dickens in der literarischen Musical-Vorlage vom Schicksal eines Waisenknaben zur Zeit der industriellen Revolution, von Not und Elend, Kinderarbeit und Ausbeutung, Hartherzigkeit und Kriminalität. Olivers Mutter bringt im Armenhaus ihren Sohn zur Welt und stirbt. Diese trostlose Umgebung bestimmt Olivers erste Lebensjahre.

Er gerät an Mister Fagin, der eine Bande jugendlicher Diebe beschäftigt. Fagin ist eine so zwielichtige Gestalt wie Brechts Peachum in der „Dreigroschenoper“. Dann erscheint der wohlhabende Mr. Brownlow, der sich von Oliver bestohlen glaubt, ihn aber dennoch mit zu sich nach Hause nimmt. Und da gibt es den bitterbösen Bill Sikes, der Oliver aus dem reichen Hause entführen lässt. Dazu missbraucht er die herzensgute, ihm aber bis zur Selbstaufgabe hörige Nancy. Mr. Brownlow erfährt, dass Oliver sein Enkel ist, will ihn von Sikes befreien, das gelingt. Nachdem der Verbrecher Nancy erschlagen hat, wird er selbst erschossen.

Hagel und sein Team haben das Musical mit dramatischer Intensität und liebevoller Detailarbeit optimal in sehr dichtes Spiel umgesetzt. Die Handlung spielt in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Regisseur entwickelt mit seinen Darstellern inszenatorisch spannende Tableaus, in den nicht-tänzerischen Massenszenen ein realitätsnahes diszipliniertes Chaos. Die bisweilen überspitzten Szenen treffen präzise, machen den dramatischen Kern schlagartig bildhaft.

Überzeugende Darsteller

Hagel hat ein gutes Darstellerteam beisammen. Elias Kibler ist ein schüchtern aufrechter Oliver, der sich nicht unterkriegen lässt. Anton Fuchs hat als Fagin mannigfache körper- und verbalsprachliche Farben zur Verfügung. Valerian Dilger ist der böse Bill Sikes wie aus dem Bilderbuch. Katharina Quast spielt die Nancy mit Bühnenpräsenz, singt mit beeindruckendem Stimm-Material. Auch alle übrigen Darsteller agieren entsprechend der professionellen Personenführung des Regisseurs rollenadäquat überzeugend.

Besondere Höhepunkte sind die zahlreichen Ballette der Choreografinnen Angelika Anderbrügge, Anke Eichner und Marion Zimmermann. Der von Thomas Dilger exzellent studierte Chor des Pestalozzi-Gymnasiums begleitet das Geschehen hauptsächlich von den Bühnenseiten. Andrea Lintner-Fimpel hatte stilistisch stimmige Kostüme entworfen. Die Multifunktionsbühne wurde durch Projektionen von Walter Rogger mit Zeichnungen von Andrea Tiebel-Quast szenisch gestaltet.

Die deskriptiv-funktionale, anfeuernde und aufregende Musik spielt ein differenziert spannungsvoll gestaltendes Projekt-Orchester. Dirigent Hagel balancierte das dramaturgische Kräfteverhältnis sehr gut aus, steuerte mit charismatischem Schwung aus dem Orchestergraben die handlungskonformen Songs und die Ballette.

Mit einem kurzen Vorab-Film eines Interviews mit einer jungen Frau aus Ummendorf, die in Ecuador Straßenkinder betreuen will, wird der Bogen zur aktuellen schrecklichen Lage von Millionen Kindern wie Kindersoldaten in Afrika, wie Kinderarbeitern in Pakistan geschlagen.

Weitere Vorstellungen in der Stadthalle am 3., 4., 10. und 11. Oktober um 19.30 Uhr.

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