Nur wenige Tage war sie Englands Königin

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 Gunther Dahinten (5. v. l.) mit den weiteren Schauspielern und den Musikern.
Gunther Dahinten (5. v. l.) mit den weiteren Schauspielern und den Musikern. (Foto: Günter Vogel)
Günter Vogel

In der Inszenierung von Gunther Dahinten hat der Dramatische Verein Wielands Versdrama „Lady Jane Gray“ erstmalig seit 1758 in Deutschland aufgeführt.

Von Christoph Martin Wieland gibt es ein dialogisches Werk, dessen dramatische Handlung aus seinem Text erfahrbar ist. Das ist das Blankversdrama in fünftaktigen Jamben „Lady Jane Gray“, entstanden 1758 in der Schweiz. Das Werk behandelt einen historischen Vorgang, die Tragödie um Jane Gray, die in der Nach-Nachfolge des englischen Königs Heinrich VIII. zwischen den politischen und religiösen Lagern verheizt und als Reformierte von ihrer katholischen Konkurrentin, Königin Mary, im Alter von 16 Jahren 1553 hingerichtet wurde.

Boden für Goethe bereitet

Regisseur und Bearbeiter Dahinten ging vor der Premierenaufführung kurz auf die historischen Hintergründe ein, erzählte, dass Wieland das Werk nach der Lektüre des 1715 veröffentlichen fünfaktigen gleichnamigen Theaterstücks von Nicholas Rowe schrieb. Mit diesem ersten Blankversdrama der deutschen Literatur transformierte er gebundene Rede und rhetorische Bilder zu spontaner Sprache, bereitete auch den literarischen Boden für Goethe, Schiller und andere Autoren.

Nach der schweizer Uraufführung 1758 von „Lady Gray“ durch die Ackermanntruppe in Winterthur ist das Werk in Deutschland oder anderswo wahrscheinlich niemals aufgeführt worden, auf keinen Fall in Biberach – bis jetzt. Die Besucher erlebten also 261 Jahre nach Entstehen die deutsche Erstaufführung. Die sieben Schauspieler stehen an Lesepulten. Alle sind schwarz gekleidet, differenzieren sich durch Kopfbedeckungen.

Historisch geht es um die Nachfolge von Edward VI., dem einzigen Sohn von Heinrich VIII., der nach dem Tod des Vaters mit neun Jahren den englischen Thron bestieg, mit 16 aber bereits verstarb. Nächste in der Thronfolge wäre Eduards Schwester und Heinrichs älteste Tochter Mary, Tochter von Katharina von Aragon gewesen. Edward hatte aber testamentarisch Heinrichs Großnichte Jane Gray zur Nachfolgerin bestimmt, die tatsächlich aber nur zehn Tage englische Königin war.

Das Werk zeigt, wie Lady Jane (Cornelia Sikora), ihre Eltern (Claudia Steiner, Ulrich Bürglen), Janes Freundin (Nathalie Muhsau) sowie der Vorsitzende des Regentschaftsrats, der Herzog von Northumberland (Günther Garlin) und sein Sohn Guilford (Volker Angenbauer), späterer Gatte Janes, die Nachricht empfangen, dass Jane Königin werden soll. Alle reden ihr zu, besonders Northumberland, der durch ihre Vermählung mit seinem Sohn für sich politische Vorteile sieht. Sie lässt sich überreden, den Weg zum Thron zu gehen. Bald darauf aber dreht sich der politische Wind. Die – bloody – Mary gewinnt die Oberhand, hat mächtige Freunde, vor allem den Bischof Gardiner (Gunther Dahinten), der mit schneidender Schärfe, mit Hartherzigkeit und Unduldsamkeit agitiert. Er verkündet Jane den Tod. Vor ihr waren bereits ihr Ehemann Guilford und dessen Vater, der Herzog von Northumberland, hingerichtet worden. Janes letzte Worte vor dem Schafott: „Schau der Himmel tut sich auf, o komm willkommener Tod.“ Ihr Königstraum war ein Kurzdrama im Shakespeareschen Stil.

Gefühlswelten nehmen gefangen

Die Zuschauer erlebten Gefühlsstürme in Wielands poetisch-dramatischer Sprache, wurden sofort von den agierenden hoch emotionalen Gefühlswelten gefangen genommen, die die Interpreten in schöner Diktion bildhaft entstehen ließen. Roland Boehm und Rainer Uhl spielten Zwischenaktmusik auf der Vihuela, einer spanischen Laute, von Henri Purcell und John Dowland.

Es ist das große Verdienst Dahintens und des Dramatischen Vereins, Wielands Versdichtung gleichsam dem Vergessen entrissen und 261 Jahre nach dem Entstehen an historischer Stätte im Obergeschoss der Schlachtmetzig aufgeführt zu haben. Dieser heutige Vereins- und Probenraum des Dramatischen Vereins war vom 15. Jahrhundert bis 1858 das „Biberacher Stadttheater“, geadelt durch die Shakespeare-Aufführungen von Wieland im 18. Jahrhundert.

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