Neonazi-Film bekommt unerwünschten Besuch

Lesedauer: 3 Min
Schwäbische Zeitung

jab - Thomas Kuban geht es nicht gut. Er bekommt Morddrohungen. Und das, was er in vergangenen Jahren erlebt hat, lässt ihn nicht los. Kuban ist Undercover-Journalist. Seit 2003 filmt er mit versteckter Kamera Rockkonzerte von Neonazis – unter Einsatz seines Lebens. Aus dem Material, das sich in all den Jahren angesammelt hat, hat Regisseur Peter Ohlendorf den Film „Blut muss fließen: Undercover unter Nazis“ gemacht, der in Biberach zu sehen war.

Eine beachtliche Leistung, bedenkt man, dass sich bisher weder einer der großen Fernsehsender noch ein größeres Kino für Kubans Aufnahmen interessieren. „Der Film soll präventiv wirken und die Leute wachrütteln“, sagt Regisseur Ohlendorf, „denn wenn man die Konzertaufnahmen sieht, fragt man sich doch, wie so etwas mitten in der Gesellschaft stattfinden kann.“

Kuban dokumentiert in seinen mehr als 50 Undercover-Drehs, wie Rechtsruck und Rechtsrock zusammenspielen. „Musik funktioniert in der rechten Szene als Einstiegsdroge“, heißt es im Film. Mit Rechtsrock werde der Nachwuchs geködert und radikalisiert. „Es ist unglaublich, wie sich die Neonazis organisieren und wie sie anhand von Fanartikeln und Merchandising-Produkten einen Kreislauf in Gang setzen, der ihnen nicht nur Geld, sondern auch Zulauf einbringt“, sagt Ohlendorf. Genau wie Kuban hat auch Ohlendorf gewisse Sicherheitsvorkehrungen getroffen, um die Gefahr für Leib und Leben so gering wie möglich zu halten. „Wie genau diese Vorkehrungen aussehen, kann ich Ihnen nicht sagen, aber ich kann sagen, dass ich mit einem ruhigen Gefühl leben kann“, beantwortet Ohlendorf eine diesbezügliche Frage aus dem Publikum.

Bei der ersten Vorführung des Films am vergangenen Donnerstag war prompt unerwünschter Besuch aufgetaucht: Der Sänger einer rechten Rockband, der auf Kubans Aufnahmen zu sehen ist, war zusammen mit fünf weiteren Neonazis im Kino, um sich die bislang unbekannten Mitschnitte der Konzerte anzusehen. Erst als die sechs den Kinosaal vor der Diskussion verließen, wurden sie von einem weiteren Festivalbesucher, der sich in der Szene auskennt, erkannt. „Im Rückblick ist das schon ein komisches Gefühl, wenn die plötzlich hinter einem vorbeilaufen“, erinnert sich Ohlendorf, „aber es zeigt auch, dass sie keine Skrupel haben, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren.“

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen