Musical-Klassiker erzeugt Begeisterung

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 Das Liebespaar Lise (Mariana Hidemi) und Jerry (Tobias Joch) auf der Bühne der Stadthalle.
Das Liebespaar Lise (Mariana Hidemi) und Jerry (Tobias Joch) auf der Bühne der Stadthalle. (Foto: Günter Vogel)
Günter Vogel

Vincente Minelli drehte 1951 den Film „Ein Amerikaner in Paris“ mit Gene Kelly und Leslie Caron nach der gleichnamigen Tondichtung von George Gershwin von 1928, in der der Komponist die Eindrücke seines Aufenthalts in Paris musikalisch bebildert. 2014 entstand das jetzt erstmalig in deutscher Sprache aufgeführte Musical.

Das Werk vereint Musik, Tanz, Gesang und Geschichte nach Ende des zweiten Weltkriegs mit berauschender Lebensfülle. Paris 1945: Die Stadt der Liebe ist noch vom 2. Weltkrieg gezeichnet. Ein junger Amerikaner, der ehemalige US-Soldat und angehende Maler Jerry (Tobias Joch), verliebt sich rettungslos in die zauberhafte Pariser Tänzerin Lise (Mariana Hidemi). Um Lises Liebe konkurriert aber auch der reiche französische Möchtegern-Nachtclubsänger Henri (Nico Schweers), dem Lise durch ein Geheimnis verbunden ist; seine Mutter (Michaele Hanser) hatte die Jüdin Lise vor den deutschen Besatzern versteckt. Und außerdem liebt sie der kriegsversehrte US-Komponist Adam (Robert David Marx).

Das Ganze kompliziert die attraktive und reiche Amerikanerin Milo (Kira Primke), die ein Auge auf Jerry geworfen hat. Mit ihrer finanziellen Unterstützung könnte nicht nur Lise zum gefeierten Ballettstar aufsteigen, sondern es könnten auch Jerry und Adam Karriere machen. Das Werk zeigt in hinreißender Dichte und auf künstlerisch außergewöhnlich professionellem Niveau die Liebe und das Erwachen neuen Lebens nach dem Krieg.

Die Inszenierung von Christopher Tölle, der auch die Tänze choreographiert hat, stellt sofort eine dichte Atmosphäre einer neuen Zeit nach dem Kriege her. Liebespaare spazieren an der Seine, sehen nur ihr Miteinander. Und sie tanzen, ausdrucksstärkste Form eines wunderbaren positiven Lebensgefühls. Eine raffinierte Rückpro zeigt den Eiffelturm, Notre Dame, Wolken ziehen, das Wasser kräuselt sanft vor sich hin.

Die Menschen tragen liebevoll gestaltete, zeitgemäße Kostüme (Ales Vasalek), die Mädchen in schwingenden Kleidern, keine Jeans. Alles ist Bewegung, ist tänzerische Körpersprache, selbst die kurzen Umbauten durch die Darsteller sind choreographiert. 14 weitere Tänzer bilden das Corps du Ballett

Alles versprüht einen schier grenzenlosen Charme. Die von Tölle wunderbar gestalteten Tanzszenen der professionellen Tänzer, die Frauen tanzen alle „Spitze“, können steppen, reißen mit unbändigen Rhythmen mit. Mehr als in den meisten anderen Musicals spielen hier die Tänze eine herausragende Rolle. Die Emotionen der Personen werden neben dem Sprechtext zum Großteil über die Tänze interpretiert. Und Zuschauerfußspitzen wippen die Taktierungen.

Orchestrale Werke erklingen

Heiko Lippmann bringt mit seinen zwölf Orchestermusikern die großen Gershwin-Songs zum Klingen: „I Got Rhythm“, „The Man I Love“, „’S Wonderful“, „They Can’t Take That Away From Me”, dazu Melodien aus den großen orchestralen Werken wie eben „An American in Paris“, „Concerto in F“, „Second Rhapsody“, „Cuban Ouverture“. Der Klang, die Harmonien, der Rhythmus gehen in weit geöffnete Zuhörerohren- und -seelen; rauschhaft, jazzschmissig, temperamentvoll und lebensbejahend, auch melancholisch.

Und wie geht die Geschichte schließlich aus? Nach zweieinhalb Stunden voll schillernder Ballett- und Step-Choreografien, unzähligen Szenenwechseln und herrlicher Gershwin-Musik gehen sie ihren Weg gemeinsam, die Tänzerin Lise und der Maler Jerry. Das war ein großer, ein mitreißender Theaterabend. Nach der Premiere hatte ein Kritiker geschrieben: „Als ob sich das angelaufene Silber des Vincente-Minelli-Films in Gold verwandelt hätte“ Stimmt!

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