MS-Experten treffen sich in Biberach - neuer Ansatz soll Patienten besser helfen

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ie Projektgruppe N2B-pach, die sich heute und morgen an der Hochschule Biberach trifft, um den Fortschritt des europaweiten Kons
ie Projektgruppe N2B-pach, die sich heute und morgen an der Hochschule Biberach trifft, um den Fortschritt des europaweiten Konsortiums zu diskutieren. Im Vordergrund Professorin Chrystelle Mavoungou und Professorin Katharina Zimmermann von der Fakultät Biotechnologie der Hochschule Biberach. (Foto: HBC)
Schwäbische Zeitung

In einem von der EU geförderten Forschungsprojekt entwickelt ein internationales Konsortium eine neue Technologie für eine bessere Behandlung von Multipler Sklerose (MS). In dieser Woche sind die beteiligten Partner für ein Projekttreffen an der HBC zusammengekommen.

Das innovative Projekt „N2B-patch“ verfolgt einen völlig neuartigen Ansatz der Anwendungsform, über die der Wirkstoff durch die Nase ins Gehirn (Nose to Brain) gelangt. Für das Forschungsvorhaben arbeitet die Fakultät Biotechnologie der Hochschule Biberach (HBC) unter anderem mit dem Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik in Stuttgart zusammen, die das Projekt koordinieren.

Zusätzlich ist die European MS Platform (EMSP), eine europaweite Patientenvertretung, sowie die Firma Beiter Formen- und Modellbau, Sigmaringendorf als Partner aus der Wirtschaft eingebunden. Das europäische Konsortium wird komplementiert durch weitere Partner aus der Wissenschaft, der Industrie, einer Uniklinik, sowie Beratungsfirmen für regulatorische Angelegenheiten und Verwertung.

Effizientere Therapien

Im Mittelpunkt des Treffens in Biberach stand insbesondere der aktuelle Stand der Entwicklung und die Frage, ob die Hoffnungen, die MS-Patienten mit dem neuen Ansatz verbinden, in erreichbare Nähe rücken. Denn, so erläutert Nora Kriauzaité von der Patientenvertretung EMSP mit Sitz in Brüssel, die Behandlung könnte den Alltag vieler MS-Patienten erheblich vereinfachen – bishin zu deutlich effizienteren Therapien. „MS gilt bislang als nicht heilbar; von der neuen Technologie erhoffen wir uns einen Durchbruch in der Behandlung sowohl mit existierenden als auch mit zukünftigen Wirkstoffen.“

Medizinische Wirkstoffe werden in der Regel über das Blut im Körper verteilt – entweder direkt durch Injektionen in die Blutbahn oder indirekt über den Verdauungstrakt, wenn der Patient das Medikament oral in Form von Tabletten oder Tropfen einnimmt. Bei Erkrankungen des zentralen Nervensystems ist es entscheidend, den Wirkstoff möglichst effizient an den gewünschten Wirkort zu transportieren.

Bei der Behandlung von MS ist dies das Zentralnervensystem. Erschwert wird die Behandlung jedoch durch die sogenannte Blut-Hirn-Schranke, über die der menschliche Körper das empfindliche Gehirn schützt. Über den üblichen Transportweg Blut ist es nur schlecht erreichbar.

Alternativen Anwendungsformen nötig

Deshalb sucht die Forschergruppe „N2B-patch“ nach alternativen Anwendungsformen. Konkret verfolgen die Wissenschafter – unter ihnen Professorin Chrystelle Mavoungou und Professorin Katharina Zimmermann aus der Fakultät Biotechnologie der HBC – die Idee, eine Art Pflaster in die Nase von Patienten einzuführen.

Dieser Patch gibt den Wirkstoff exakt dosiert über einen längeren Zeitraum ab. Da Nasenhöhle und Gehirn an dieser Stelle nur durch das sogenannte Siebbein und einige Zellschichten voneinander getrennt sind, kann der Wirkstoff einfach von der Nase ins Gehirn gelangen.

Für Patienten, die an einer Erkrankung des zentralen Nervensystems leiden – neben MS können dies die Folgen eines Schlaganfalls sein, neurodegenerative Erkrankungen oder Tumore – könnte diese neuartige Therapie eine enorme Verbesserung ihrer Situation bedeuten.

Angefangen von einer weniger belastenden Behandlung, weil mit geringeren Nebenwirkungen zu rechnen ist und das Medikament seltener und ohne Krankenhausaufenthalt verabreicht werden kann, bishin zu der Möglichkeit, dass der Krankheitsverlauf verlangsamt oder gar gestoppt wird.

„Patienten sind die Experten“

Dass die tatsächlichen Bedürfnisse der von MS betroffenen Menschen von Anfang an in die Überlegungen der Wissenschaftler einfließen, darin sieht die Patientenvertretung EMSP ihre Rolle innerhalb des internationalen Konsortiums. „Patienten sind die Experten für ihre Krankheit“, sagt Krauzaité, die das Transferprojekt seitens der MS-Verbandes begleitet.

Die Wissenschaftler der Hochschule Biberach konzentrieren sich innerhalb Forschungsverbunds auf die Entwicklung einer Darreichungsplattform für Wirkstoffe sowie auf die Abstimmung mit den Zulassungsbehörden für Arzneimittel und Medizinprodukte, die für die pharmazeutische Herstellung notwendig sind.

Möglich wurde das Projekt durch eine Förderung der EU-Kommission im Rahmen des Programms für Forschung und Innovation Horizon 2020. Zudem werden die Wissenschaftler auch durch das Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg sowie den Landkreis Sigmaringen unterstützt.

In dieser Zusammenarbeit von Patientenvertretern, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik blicken die Biberacher Professorinnen positiv in die Zukunft: „Das Projekt stellt alle Beteiligten vor große Herausforderungen, von denen wir einige schon bewältigen konnten und andere zukünftig lösen werden“. Einer verbesserten Behandlungsmöglichkeit von MS-Patienten und anderen neurologischen Erkrankungen bewerten sie deshalb optimistisch, „auch wenn wir noch nicht am Ende unserer Entwicklung sind“.

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