„Lebende Bücher“ erzählen aus dem Leben

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 Auf dem Bild sind die „lebenden Bücher“ Mihaela Richter (von links), Adama Hassler, Daniel Horst, Navid Ghaderi, Inge Großkreut
Auf dem Bild sind die „lebenden Bücher“ Mihaela Richter (von links), Adama Hassler, Daniel Horst, Navid Ghaderi, Inge Großkreutz-Scheuing, Terhas Woldeyohannes-Riegger und Klaus Hassler zu sehen. (Foto: Stadtbücherei)
Schwäbische Zeitung

Zum dritten Mal hat die „Nacht der lebenden Bücher“ in der Stadtbücherei stattgefunden. Wie Bücher einer Bibliothek konnten an diesem Abend lebende Bücher von Besuchern „ausgeliehen“ werden, wobei lesen hier sich zu unterhalten bedeutet. In drei Gesprächsrunden tauschten sich die rund 40 Besucher in Gruppen mit Menschen über die Frage, was sie nach Biberach geführt hat, aus. Damit griff die Veranstaltung das Kulturleitthema „In der Welt unterwegs – in Biberach zu Hause“ auf.

Eines der lebenden Bücher waren Klaus Hassler und sein Adoptivsohn Adama. 2015 nahm Klaus Hassler als Jugendreferent des Deutschen Alpenvereins an einem Gespräch teil, in dem es darum ging, wie Vereine sich für Geflüchtete engagieren können. So lernte er den damals 16-jährigen Adama aus Gambia kennen. Da die Sympathie von Anfang an groß war, wurde Klaus Hassler zuerst sein Pflegevater und adoptiere ihn 2018.

In einer anderen Situation befand sich Inge Großkreutz-Scheuing. Im Alter von fünf Jahren floh sie mit ihrer Familie 1960 innerhalb von drei Tagen aus der ehemaligen DDR. Schon damals gab es Bedenken und Ängste gegenüber Zuwanderern. „Wir wurden auch nicht von allen mit offenen Armen empfangen und mussten uns mit Vorurteilen auseinandersetzen“, so Großkreutz-Scheuing.

Seit zehn Jahren lebt Mihaela Richter in Deutschland, ursprünglich kommt sie aus Rumänien. Hier in Biberach engagiert sie sich für das Café „Global“, ein Integrationsprojekt der Stadt und des Familienzentrums. Richter ist es ein Anliegen, Grundlagen für ein friedliches Zusammenleben zu schaffen: „Hier begegnen sich Menschen verschiedener Kulturen und Nationalitäten zum Austausch bei Kaffee, Tee und Gebäck.“

Navid Ghaderi wuchs als Kurde im Iran auf, aus Angst vor Verfolgung ist er 2017 nach Deutschland gekommen. An der Universität in Teheran hat Ghaderi „Internationale Beziehungen“ studiert und mit dem Master abgeschlossen. Durch die Teilnahme an einer Konferenz in Frankfurt hatte er die Chance, auszureisen und in Deutschland Asyl zu beantragen.

Schon wesentlich länger lebt Terhas Woldeyohannes-Riegger in Deutschland. Mit ihrer Familie floh sie als zehnjährige vor dem in Eritrea herrschenden Bürgerkrieg. Seit 2014 arbeitet Woldeyohannes-Riegger im Keis Biberach als Familienhebamme: „Da ich arabisch spreche und auch durch meine Hautfarbe, fassen gerade geflüchtete Frauen Vertrauen zu mir.“

Das sechste Buch, Daniel Horst, arbeitet als Bildungskoordinator für Neuzugewanderte im Bildungsbüro des Landkreises. Zu seinen Aufgaben gehört es, den neu ankommenden Menschen ihren Start zu erleichtern. „Das Beherrschen der deutschen Sprache und die Möglichkeit zur Einübung ist ein Schlüssel, um an der Gesellschaft teilhaben zu können“, so Horst. Für Überraschung sorgte die Information, dass zwei Drittel der im Landkreis lebenden Ausländer aus dem EU-Ausland stammen.

„Es gibt spannende Lebensgeschichten und durch die Veranstaltung eröffnet sich die Möglichkeit, sich mit Menschen auszutauschen, die man sonst vielleicht nie kennengelernt hätte“, erläutert Annette Fülle von der Stadtbücherei Biberach. Die Veranstaltung wurde von der Stadtbücherei in Kooperation mit dem Seniorenbüro und dem Integrationsbüro organisiert.

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