Kunde oder Kundin – wie geschlechterneutral ist die Region?

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Frauen haben kein Recht auf eine weibliche Anrede in Formularen. Das hat der Bundesgerichtshof am Dienstag entschieden. Die Verantwortlichen beim Landratsamt, der Stadt Biberach und den Banken atmen auf, sind doch viele Formulare in männlicher Ansprache verfasst.

„Bei uns ist es bisher in der Regel so, dass die Formulare überwiegend eine männliche Form haben“, erläutert der Sprecher des Landratsamts, Bernd Schwarzendorfer. Das habe rein praktische Gründe. „Bei Korrespondenzen achten wir aber darauf, diese so geschlechterneutral wie möglich zu halten,“ so der Sprecher weiter. Als Beispiel nennt er Briefbogen, auf denen „Sachbearbeitung“ geschrieben steht anstelle von Sachbearbeiter/in. Und sollten die Bürger persönlich, also mit Namen angeschrieben werden, laute die Anrede ohnehin „Herr“ oder „Frau“.

Keine Dienstanweisung bei der Stadt

Die Mitarbeiter der Stadt Biberach haben keine Dienstanweisung, welches Geschlecht die Anrede bei Formularen tragen soll. Beim Bürgerservice gebe es diverse Formulare, die Handhabung sei unterschiedlich, so die Sprecherin der Verwaltung, Andrea Appel. Bei der Anmeldung zum Instrumental- und Vokalunterricht sei zum Beispiel von „Erziehungsberechtigten“ und „Schüler“ die Rede, beim Antrag auf Bezuschussung einer thermischen Solaranlage von „Antragsteller“ und beim Formular über den Abbruch baulicher Anlagen von „Bauherr/in“.

Bewusstsein über Anrede ist vorhanden

„Geben wir Broschüren oder die Mitarbeiterzeitung heraus, verwenden wir die männliche Form“, so Appel. Alles andere sei zu sperrig. Jedoch ist in einem Zusatz vermerkt, dass sich trotz männlicher Form auch die Frauen angesprochen fühlen dürfen. „Das Bewusstsein über dieses Thema ist da. Wir sind darauf bedacht, Ansprachen geschlechterneutral zu formulieren.“ Ihr sei nicht bekannt, dass sich eine Frau wegen einer männlichen Anrede in Formularen bei der Verwaltung beschwert hätte.

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„Anfragen zu diesem Vorgehen sind uns bislang nur in einem Fall innerhalb von zwei Jahren bekannt“, so die Sprecherin der Kreissparkasse Biberach, Ursel Straub-Neumann. Aus überwiegend rechtlichen Gründen verwendet die Bank im Geschäftsverkehr nur Standardformulare und Vordrucke des Deutschen Sparkassen-Verlags. Ob diese in weiblicher und/oder männlicher Form sind, könne pauschal nicht beantwortet werden, so die Sprecherin. „Es kommt darauf an, welches Formular beziehungsweise welcher Vordruck verwendet wird.“ Sofern eine direkte Ansprache möglich ist, wendet sich das Kreditinstitut „mit direkten Anreden an Kundinnen und Kunden“.

Persönliche Ansprache wichtig

Ähnlich handhabt dies die Volksbank Ulm-Biberach. „Im Schriftverkehr mit unseren Kunden legen wir selbstverständlich hohen Wert auf eine persönliche und somit geschlechterspezifische Ansprache“, sagt die Sprecherin Julia Schreiber. Bei Standardformularen sei dies jedoch nur eingeschränkt möglich, da diese EDV-technisch vorgegeben sind: „Standardmäßig lautet die Formulierung ,der Kunde’ oder ,der Kontoinhaber’.“ Durch die sachliche Ansprache sollen vor allem auch mögliche falsche Formulierungen vermieden werden, so Schreiber. Die richtige Form der Anrede ist für das Kreditinstitut indes keine Frage der Branche. Ausdruck von Wertschätzung, Kunden fühlten sich persönlich angesprochen oder der Aufbau einer persönlichen Beziehung – diese Vorteile führt die Sprecherin bezüglich einer direkten Anrede ins Feld.

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