Kreis Biberach: Der Weg zum Notdienst wird länger

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So soll die Struktur des ärztlichen Bereitschaftsdiensts ab November im Landkreis Biberach aussehen. (Foto: Landratsamt)
Schwäbische Zeitung
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Wenn die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Baden-Württemberg ab 1. November ihre Reformpläne des ärztlichen Bereitschaftsdiensts im Landkreis Biberach umsetzt, kommen auf die rund 190000 Kreisbürger gravierende Veränderungen zu.

Denn die KV will die bislang acht Bereitschaftsdienstbezirke im Kreis durch eine Notfallpraxis ersetzen, die dann in der Biberacher Klinik angesiedelt ist. Sie wäre dann nachts und an den Wochenenden im Kreisgebiet die einzige Anlaufstelle für Patienten, die einen Hausarzt benötigen. Zwei weitere Ärzte wären im westlichen und östlichen Kreisgebiet als Besuchsdienst bei Patienten unterwegs, die körperlich nicht in der Lage sind, in die Notfallpraxis zu kommen. Nicht zu verwechseln ist der ärztliche Bereitschaftsdienst mit dem Notarzt, der in lebensbedrohlichen Fällen über die Notrufnummer 112 Hilfe leistet. Daran ändert sich nichts.

Innerhalb von 30 Minuten erreichbar

Die KV steckt in einer Zwangslage, was die hausärztliche Versorgung angeht: Die praktizierenden Ärzte werden immer älter und für junge Kollegen ist der Hausarztberuf immer weniger attraktiv. Einen Grund dafür sieht die KV in den vielen Bereitschaftsdiensten, die Hausärzte, gerade auf dem Land leisten müssen, sagt Dr. Frank-Dieter Braun aus Biberach, Vorsitzender der Vertreterversammlung der KV in Baden-Württemberg. Deshalb soll bis Ende des Jahres im ganzen Land eine Struktur mit Notfallpraxen vor allem an Krankenhäusern eingerichtet werden. Grundlage dafür ist, dass jeder Dienstbereich einer Notfallpraxis mindestens 70 Ärzte umfassen muss und jeder Bürger eine Notfallpraxis innerhalb von 30 Minuten erreichen kann.

Hierbei ist allerdings nicht vorgeschrieben, dass Biberacher Kreisbürger zwingend die Praxis in der Biberacher Klinik aufsuchen müssen. Sie können, so sieht es der Plan der KV vor, in jede andere Notfallpraxis, die es beispielsweise in Bad Saulgau, Ravensburg, Weingarten Sigmaringen, Ehingen oder bald in Ulm gibt. Auch die Fahrt über die Iller zum Bereitschaftsdienst auf bayerischer Seite ist möglich.

Braun sieht diesen Schritt als notwendig an, um den Notdienst flächendeckend aufrecht erhalten zu können. „Natürlich haben wir in Biberach Bezirke, wo ich als Arzt nur vier Mal im Jahr Notdienst habe. Es gibt aber auch andere, da habe ich jeden dritten Tag Notdienst“, sagt er. Gerade für ältere Kollegen sei das mitunter eine enorme Belastung.

Die Pläne der KV werden im Landratsamt und im Kreistag kritisch gesehen – wohl wissend, dass man bei diesem Thema keine Entscheidungskompetenz hat. „Wir wissen, dass sich an der Struktur der Bereitschaftsdienste etwas ändern muss“, sagt Dr. Volker Baumann, Leiter des Kreisgesundheitsamts, „die Frage ist aber, ob es so schnell sein muss.“ Derzeit funktioniere das System noch gut, der Kreis habe mit 106 Prozent noch eine Überversorgung an Hausärzten. Schwieriger werde es in den nächsten fünf bis zehn Jahren. „Dann geht ein Viertel bis ein Drittel der Hausärzte in Ruhestand“, so Baumann. Im Sinne der Kreisbürger wäre ihm ein engmaschigeres Netz mit mehreren Notfallpraxen lieber, beispielsweise an allen Klinikstandorten im Landkreis.

Dem hält Braun das Argument der Wirtschaftlichkeit entgegen. „Wir wollen unsere Bereitschaftsärzte ja auch gut vergüten. Um das sicherstellen zu können, brauche ich in einer Notfallpraxis genügend Patienten.“ Das sei bei mehreren Praxen im Kreis nicht zwingend gewährleistet.

Nicht alle Hausärzte im Kreis sehen die Reform positiv. Sie befürchten eine zunehmende Anonymisierung zwischen Arzt und Patient und stressigere Bereitschaftsdienste, wenn sie für den gesamten Landkreis zuständig sind. Für den Laupheimer Ärztesprecher Dr. Harald Rothe beispielsweise ist die Notdienstreform weder patientenfreundlich noch biete sie Anreize für eine Ansiedlung junger Hausärzte. Abgesehen von der schwierigen Organisation bringe die Reform erhebliche Probleme für die Patienten mit sich: „Ich frage mich, wie das vor allem im Winter bei den enormen Distanzen, die im Kreis Biberach zurückzulegen sind, funktionieren soll?“ Hinzu kämen unter Umständen lange, kaum kalkulierbare Wartezeiten in Biberach.

Der Kreistag will am Freitag über einen Brief des Landrats beraten, in dem er die KV bittet, die Notfallstrukturen mit Blick auf die Gegebenheiten vor Ort weiterzuentwickeln.

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