Konstantin Wecker beschert ein fulminantes Konzerterlebnis

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Konstantin Wecker inmitten seines Biberacher Publikums.
Konstantin Wecker inmitten seines Biberacher Publikums. (Foto: Angela Körner-Armbruster)
Angela Körner-Armbruster

Zerrissenheit muss nicht niederschmetternd sein. Das haben die Zuhörer in der nahezu ausverkauften Biberacher Stadthalle mit Konstantin Wecker, Fany Kammerlander und Jo Barnikel erlebt. Balladen zwischen Vergangenheit und Zukunft, Zorn und Zuversicht waren wie ein suggestiver Sog.

Dabei stand der berechtigte Weltschmerz um das Weltgeschehen mit seinem Perpetuum Mobile der Kriege auf festen Beinen. Konstantin Wecker zeigt immer noch unverblümt mit dem Finger auf „braune Brühe und zunehmende Blindheit“ – doch nicht mehr die geballte Faust beherrscht die Lieder, sondern ausgebreitete Arme.

Die ersten Worte des Abends waren „Weißt du, Willi...“ und führten gleich mitten hinein in den Kreislauf des selbstkritischen Hinterfragens. „Waren wir zu behäbig?“ Das mit dem Künstler gealterte Publikum war überaus willig, bei zorniger Politikschelte zu applaudieren. Nachdrückliches Nicken strafte die „Hydra des Kapitalismus“ – doch sehr schnell verebbten die spontanen Beifallskundgebungen. Jahrzehnte der geistigen Treue und Übereinstimmung müssen nicht mit Applaus bedacht werden. Wenn das Licht im Saal angeht und Konstantin Wecker mitten im Publikum ist, dann wird die jahrzehntelange Treue beinahe greifbar.

Das Wilde, Vorwurfsvolle der alten Lieder, das forderte und anstrengte, hat einer sanften, fabulierenden Eindringlichkeit Raum gegeben. Der ansteckende, gerechter Zorn geht jetzt Hand in Hand mit einer neuen, oft sanften Besonnenheit. Die Filigranität in Gedanken und Worten gibt dem Zuhörer jetzt mehr Zeit zum Mitdenken und Mitgehen. „Mittlerweile glaube ich: Poesie ist Widerstand“, sagt der Künstler und das klingt sehr tröstlich.

Gelassenes Lächeln

Wo vor Jahren noch wie aus einem brodelnden Vulkan kämpferische Worte flossen, ist jetzt ein gelassenes Lächeln. Der Wunsch, Hass durch Zärtlichkeit zu besiegen begleitet nun Weckers berühmte Aufforderung „Sag nein!“.

Wenn Konstantin Wecker von Mitgefühl und Empathie, von Herzlichkeit und Sanftheit spricht, dann ist es sehr still im Saal.

Sein Wunsch, die Welt zu poetisieren, ein zärtlicher Stachel zu sein und Parolen keine Chance zu geben, mündet im Resümée: „Ich habe Angst um dich und mich.“ Die Botschaft des Abends ist eindeutig: „Hin und wieder ist ein Aufschrei angebracht. Lasst uns jetzt zusammenstehen, es bleibt nicht mehr so viel Zeit. Es werden Menschen gebraucht, die in sich ruhen – mit Scheuklappen in einer Welt voller Wunderbaren gegen gnadenlosen Funktionalismus.“

Dieses „in sich ruhen“ verströmt das Trio in glaubhafter Aufrichtigkeit. Ein Trio voll Spielfreude und Sinnlichkeit, Elan und Transparenz. Eine musikalische Wonne, geboren aus liebevoller Wertschätzung und sensiblem Können. Nicht Selbstdarstellung, sondern die Schönheit und Macht der Harmonie zählen. Hier überzeugen drei Ausnahmekünstler mit bestechender Dominanz und Präsenz, Weichheit und Zerbrechlichkeit. Cello und Piano sind wie eine Umarmung, ein furioser Tanz oder von betörender Ruhe. Konstantin Wecker, Fany Kammerlander und Jo Barnikel haben Poesie und Musik als Medizin für Seelen, die am Weltgeschehen zu verzweifeln drohen. Sie schenkten ihren treuen Fans einen langen Abend voll schmerzhafter Magie, die bittet, fordert und dennoch ermutigt.

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