Kommerz siegt über Kinokunst

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Douglas Wolfsperger zeigte seine Doku über das Ende des Konstanzer „Scala“-Kinos.
Douglas Wolfsperger zeigte seine Doku über das Ende des Konstanzer „Scala“-Kinos. (Foto: Georg Kliebhan)
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Am Ende muss das Programmkino „Scala“ auf der Konstanzer Marktstätte einem Drogeriemarkt weichen. Bürger hatten mit Protestaktionen fast zwei Jahre lang versucht, es vor der Schließung zu retten, aber Investor und Kommunalpolitiker blieben hart. Douglas Wolfsperger hat über den Todeskampf den Dokumentarfilm „Scala Adieu – Von Windeln verweht“ gedreht – eine Mahnung an Investoren und kommunalpolitische Entscheider, den Kommerz nicht über alles zu stellen.

Wolfsperger ist in Konstanz aufgewachsen, das „Scala“ war für ihn ein wichtiger Teil seiner Heimat. Als er 2015 davon erfährt, dass das Programmkino an der Marktstätte (die prominenteste 1a-Lage der Stadt) schließen und einer weiteren Drogeriefiliale Platz machen soll, beschließt er, diesen Prozess filmisch zu dokumentieren.

Wolfsperger zeichnet in seinem 80-minütigen Film den Kampf engagierter Bürger um eine Rettung des Kinos nach, der eigentlich von Beginn an zum Scheitern verurteilt ist. Da ist die Rede vom Kinobetreiber, der offenbar lieber seinen großen Multiplex-Filmpalast einige Hundert Meter weiter betreiben möchte und nicht mehr das weniger ertragreiche „Scala“. Vor der Kamera sprechen will er darüber jedoch nicht.

Da ist eine Drogeriekette, die sich unbedingt den lukrativen Standort in Konstanz’ bester Lage sichern will, obwohl eine Konkurrenzkette auf der anderen Seite des Platzes eine riesige Filiale betreibt. Die Nähe zur Schweiz und der kaufkräftigen Kundschaft scheint aber dafür zu sorgen, dass dem Geschäft mit Windeln und Kosmetik keine Grenze gesetzt ist.

Und da ist schließlich ein Oberbürgermeister samt Gemeinderatsmehrheit, denen Kultur und Tradition in der Bodenseestadt zwar irgendwie wichtig ist, die aber im entscheidenden Moment gar nicht anders können, als der Drogeriemarktansiedlung zuzustimmen – schließlich verlangt es das Baurecht so. Vorsorglich hat der Investor im Falle eines Zuwiderhandelns bereits Schadenersatzansprüche angedroht. Am Ende ist das „Scala“ weg und der Drogeriemarkt da.

Bevor sich der Kinobesucher aber nun vorschnell über überzogenes Kommerzdenken der Konstanzer Kommunalpolitik ereifert, ist der Film auch eine Mahnung, dass sich das Ganze genauso in Biberach oder jeder anderen Stadt ereignen könnte.

Auch wenn man dem Filmemacher sicher nicht Einseitigkeit vorwerfen kann, so ist doch klar, auf wessen Seite er steht. Wolfsperger ist ein erfahrener Dokumentarfilmer, er weiß um die Macht seiner Bilder. Anzunehmen, dass der Konstanzer OB nicht begeistert darüber sein wird, wie er Däumchen drehend zu sehen ist, oder der Kulturbürgermeister in einer Sequenz aus dem Gemeinderat gezeigt wird, in der er viel über Wirtschaft und kaum über Kultur redet. Dagegen stellt Wolfsperger die emotionale Beziehung der Kinogänger zu ihrem „Scala“ und den Appell, um die Plätze zu kämpfen, an denen das Träumen noch möglich ist – zum Beispiel in einem Kinosaal.

In der regen Publikumsdiskussion berichtet der Filmemacher dann von den vielen Hürden, die er beim Dreh überwinden musste. So wollten sich weder Vertreter der Drogeriemarktkette noch der Großteil der Kommunalpolitiker vor der Kamera äußern. Auch die Finanzierung des Films ist noch immer nicht beendet. Die Stadt Konstanz habe sich erst bereit erklärt, das Werk finanziell zu unterstützen, nachdem es von Schweizer Seite eine Förderung gab. „Die wollten erst nichts geben, weil es ja kein ,Imagefilm’ für die Stadt sei“, so Wolfsperger. Weil aber immer noch 15 000 Euro fehlen, hatte er gleich mal einen Klingelbeutel nach Biberach mitgebracht, der vom Publikum gut gefüllt wurde. Auch mehrere Konstanzer waren gekommen, um den Film in Biberach zu sehen. Erst am 17. März 2019 soll es eine Vorführung im Konstanzer Stadttheater geben.

Ein Besucher regte an, den Film auch mal dem Biberacher Gemeinderat zu zeigen, um dann über die Bedeutung von Kultur und Kommerz in der Stadt zu diskutieren. „Ich bin gern dazu bereit“, sagte Wolfsperger.

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