Klumpfüße: Dank eines Ehepaars kann Luda wieder richtig laufen

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Luda steht auf einer Bank, Erwachsens strecken Hände nach ihr aus
In Feierlaune scherzen (von links) Luda Ponomarenko, der Heidelberger Chirurg Sebastian Müller, Rotary-Präsident Otto Dollinger und Ludas Pflegeeltern Josef und Regine Müller über den Kauf der heißersehnten Schuhe. (Foto: Angela Körner-Armbruster)
Angela Körner-Armbruster

Die 17-jährige Luda Ponomarenko zeigt in Biberach stolz ihre neuen Sportschuhe in die Runde. Federleicht sind sie und schmal und zierlich und Otto Dollinger, der Präsident des Biberacher Rotaty Clubs scherzt heiter: „Es stimmt also doch, dass man Frauen mit Schuhen glücklich machen kann.“ Sechs Menschen brechen ob dieses Klischees in Lachen aus. Und dieses Lachen ist das gute Ende einer anfangs traurigen Geschichte.

Denn diese Schuhe wurden im Grunde genommen seit einem Dutzend von Jahren ersehnt. Dass Luda, ein Mädchen aus der Ukraine, tatsächlich solche Schuhe anziehen könnte, hätte in ihrem winzigen Heimatdorf niemand für möglich gehalten. „Aufgrund eines Impffehlers waren ihre Füße zu Klumpfüßen degeneriert, ein normales Bewegen war nicht mehr möglich. Ein Glück, dass das Ehepaar Müller im Rahmen eines Austausches der Christlichen Gemeinde Erolzheim auf sie aufmerksam wurde“, fasst Rotarier Hanno Wulz die Vorgeschichte zusammen.

Kampf gegen die verkümmerten Muskeln ist eine Erfolgsgeschichte

Fünf Jahre alt war Luda, als die Veränderung ihrer Füße begann. Ihre Kindheit und Jugend waren von bedauernden Blicken auf das Vergnügen der gesunden Freundinnen geprägt. Ihr war klar, dass es für sie nie wirkliche Teilhabe geben würde. Dass ihre Wünsche dennoch wahr wurden, erscheint wie ein Wunder. Wundervoll ist es, wie Elan, Fachwissen, die richtigen Kontakte und Ludas Kampf gegen die verkümmerten Muskeln und Sehnen eine Erfolgsgeschichte wurden.

Größter Wunsch sind High-Heels

Im Grunde genommen begann die Therapie mit einem Bericht über ukrainische Waisenhäuser, die Regina und Josef Müller im Fernsehen sahen. „Wir hatten den Wunsch, für diese Kinder etwas zu tun und inzwischen haben viele Familien Patenschaften übernommen,“ erzählt Regine Müller bescheiden. Ihr Mann ergänzt: „Wir fahren seit 20 Jahren in die Ukraine und kennen dort so viele Menschen – natürlich werden wir Luda weiterhin besuchen.“

Für das Kirchberger Ehepaar ist es wie ein Déjà-vus. Die eigene Tochter hatte als Kind Spasmen und die Eltern schenkten ihr viel Zeit und machten mit ihr Übungen, um ihr das Sitzen im Rollstuhl zu ersparen. Jetzt haben sie es ein zweites Mal geschafft, dass ein Mädchen in ihrem Haus das Laufen erlernt. Es klingt wie in einem Märchen und an ein Märchen denkt auch Sebastian Müller. Der Heidelberger Chirurg zieht den Vergleich zu Cinderella – nicht als Romantiker, sondern als Fachmann.

Jetzt sind wir von Herzen dankbar für den guten Verlauf.

Regine Müller

„Ehrlich, der größte Wunsch meiner Patientinnen ist der Kauf von High Heels.“ Hochachtung und Bewunderung liegen in seiner Stimme, wenn er lobt: „Luda hat sich trotz der vielen Eingriffe und Schmerzen nicht ein einziges Mal beklagt.“ Er komme zu dieser Schuhübergabe nicht aus Eitelkeit – ihm sei etwas anderes wichtig: „Es ist in der modernen Chirurgie so viel machbar, auch beispielsweise nach einem Schlaganfall. Und es ist mein großes Anliegen, dass die Menschen das wissen!“

Regine Müller erinnert sich mit Schaudern: „Als Luda vor zwei Jahren zu uns kam, hatte sie fürchterlich klumpige Schuhe an. Die haben wir voller Hoffnung in den Müll geworfen.“ Handwerklich waren sie zwar gut gearbeitet, aber die verformten Füße des Teenagers mussten immer in Zehenspitzenstellung bleiben und verformten sich immer weiter. „Jetzt sind wir von Herzen dankbar für den guten Verlauf.“ Dieser schlichte Satz kann nicht die unzähligen Stunden, die Mühsal und das zähe Muskeltraining aufzeigen, das hinter Luda und ihren Pflegeeltern liegt. Auch das Ehinger Ehepaar Münch, das selbst ein behindertes Kind hat, erzielte mit einem speziellen Übungsprogramm große Fortschritte, doch die teure Operation war unumgänglich.

Rotary Club Biberach trägt die Kosten

Ein Glücksfall war der Kontakt zum „Internationalen Zentrum für Knie-Fuß- und Beinchirurgie“ der Heidelberger ATOS-Klinik. Obwohl Chirurg Sebastian Müller auf sein Honorar verzichtete, standen Kosten in Höhe von fast 20 000 Euro an, und das Ehepaar Müller machte sich auf die Suche nach Spendern. Die Verwaltung der Spendenaktion wurde auf Vermittlung des Rotariers Karl Schließer aus Wain vom Rotary Club Biberach übernommen – und ebenso der Kauf der Schuhe. Nun schließt sich also der Kreis, zumindest beinahe.

Ehrgeizige Zukunft

Rotarier-Präsident Otto Dollinger strahlt mit der Schuhbesitzerin um die Wette. „Wir sind sehr zufrieden, das Bindeglied zwischen allen Beteiligten sein zu können. Gewissermaßen das Zahnrad aus dem Rotatrier-Logo, das alles verbindet und ins Rollen bringt. Uns geht es so gut, da können wir diesen Blick wagen und Dringendes tun. Und wenn wir dann sehen, dass ein Schuh ein Leben verändern kann, dann sind wir alle rundum glücklich.“

Und wo schließt sich der Kreis endgültig? In zwei Wochen, in Ludas Dorf mit den zehn Häusern. Die Eltern sind dort Kleinbauern mit zwei Kühen. Nach zwei Jahren wird sie ihren Geschwistern zwar langsam, aber gesund entgegengehen können. Und dann tragen sie diese neuen Füße in eine ehrgeizige Zukunft. Sie beginnt im September eine Ausbildung als Dolmetscherin. Deutsch natürlich, denn das hat sie in den beiden Kirchberger Jahren hervorragend erlernt.

Die 17-Jährige berichtet: „Bei uns gibt es so viele Menschen, die denken, dass ihnen niemand helfen kann. Aber es stimmt nicht, man muss nicht immer nur jammern. Man muss auch etwas dafür tun. Ich will von meinem Glück erzählen und Mut machen, damit sich auch für andere Menschen etwas verbessert.“

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