Kerstin Haberecht unter Volldampf

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Kerstin Haberecht Nicolas Hering (l.) und Bastian Weinig waren zu Gast im Jazzkeller.
Kerstin Haberecht Nicolas Hering (l.) und Bastian Weinig waren zu Gast im Jazzkeller. (Foto: Helmut Schönecker)
Schwäbische Zeitung

Ungeahnter Überraschungserfolg: Haberecht 4 spielten ohne Drummer im Jazzkeller.

Als der Vierte im Bunde, der Wahlberliner Drummer Mathis Grossmann, eine knappe Stunde vor Konzertbeginn von Frankfurt aus im Biberacher Jazzkeller anrief, dass die Deutsche Bahn ihm satte vier Stunden Verspätung beschert, war die Aufregung um Kerstin Haberecht zunächst groß. Immerhin hatte man die CD „Essence“ vergangenes Jahr im Quartett eingespielt und ein Auftritt ohne Schlagzeug, nur im Trio, schien zunächst undenkbar. Gutes Zureden vom veranstaltenden Jazzclub, der Mut der Verzweiflung und eine kurze aber intensive Vorbereitungsphase haben die Trio-Premiere aber dann doch zu einem ungeahnten Überraschungserfolg werden lassen.

Der unermüdlich im perfekten Timing und in federnder Leichtigkeit groovende Kontrabassist Bastian Weinig und mit Nicolas Hering ein glänzend aufgelegter Pianist mit einer breiten stilistischen Ausdruckspalette und stupender Spieltechnik konnten vieles von dem auffangen, was üblicherweise der Mann am Drumset übernimmt.

Dennoch verblieb für die Komponistin und Bandleaderin Kerstin Haberecht am Alt- und Sopransaxofon eine Mammutaufgabe. In Sachen Kondition und Konzentration stand sie ständig unter Volldampf und musste oft an ihre Grenzen oder darüber hinausgehen. Im Rückblick darf jedoch nur Positives konstatiert werden. Das erzwungene Experiment hat sich dank der Professionalität der Musiker durchaus gelohnt und das Publikum begeistert.

Nicht nur die eher verträumten oder balladesken Stücke wie der mit einer wunderschönen mit dem Bogen gespielten Bassmelodie über dem gleichförmig tickenden Klavier eingeleitete „Schlafloser Februar“, sondern auch die lebhafteren Nummern wie „Machine“ gewannen durch die Reduktion an Transparenz und Intensität. Weit gespannte Saxofonkantilenen, ausgedehnte und hochexpressive Soloimprovisationen in einem sorgfältig austarierten kontrapunktischen Geflecht mit den beiden sensibel reagierenden Mitakteuren erzählten musikalische Erinnerungen.

Mit den Originalen im Ohr fehlten hier und da vielleicht doch etwas die häufig klangmalerischen Beiträge des Schlagzeugs oder auch dessen treibender Groove. Vor allem fehlten aber Erholungsphasen für die drei Akteure, die beständig unter Feuer standen und gerade in den kontemplativen Teilen vielleicht dann doch nicht die gewohnte kontemplative Versenkung vermitteln konnten.

Aufgelockert durch einige Standards oder neue Kompositionen, die erst auf der nächsten CD erscheinen werden, verging der Konzertabend gleichwohl viel zu schnell. Der ebenso unmittelbare wie feinsinnige Stil Haberechts, frischer Modern Jazz der kommenden Generation, atmet eine große Natürlichkeit und bezieht genau daraus seine künstlerische Überzeugungskraft. Haberecht hat Recht und tut das Richtige.

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