ARCHIV - ILLUSTRATION - Eine modellhafte Nachbildung der Justitia steht am 15.07.2014 im Raum eines Richters des Landgerichts Du
ARCHIV - ILLUSTRATION - Eine modellhafte Nachbildung der Justitia steht am 15.07.2014 im Raum eines Richters des Landgerichts Duisburg (Nordrhein-Westfalen) neben einem Holzhammer und einem Aktenstapel. Im Landgericht Bochum sollen Richter nun das Urteil gegen zwei Männer sprechen, die einen Autoverkäufer umgebracht haben sollen. Die Staatsanwaltschaft hatte für sie lebenslange Haft beantragt. (zu dpa vom 09.01.2018) (Foto: Volker Hartmann)
Barbara Sohler

Für fünf Jahre und zehn Monate muss ein junger Geflüchteter aus Somalia ins Gefängnis. Nach vier straffen Prozesstagen, in denen knapp 30 Zeugen und drei Gutachter gehört worden waren, hielten Staatsanwaltschaft und Pflichtverteidiger beinahe identische Plädoyers und die Große Jugendkammer urteilte schließlich am Dienstag wie folgt: Der 19-jährige Angeklagte hat sich des versuchten Totschlags in zwei Fällen schuldig gemacht.

„Innerhalb von drei Monaten haben Sie versucht zwei verschiedene Menschen zu töten. Und das, weil die Sie vielleicht gekränkt oder geärgert haben“, sagt der Vorsitzende Richter Veiko Böhm streng in Richtung Anklagebank. Und auch, dass sich für die Messerattacken nicht einmal ansatzweise nachvollziehbare Gründe finden ließen. Der junge Geflüchtete hatte einmal im Juli 2018 in Ummendorf und einmal im Oktober 2018 in Biberach jeweils einen Landsmann mit einem Messer attackiert. Dem einen Opfer versuchte der Somalier ein Messer in den Rücken zu stecken, das andere Opfer wurde lebensbedrohlich an der Schulter verletzt.

Einmal soll der Auslöser für die Messerstecherei ein Fahrrad, im anderen Fall könnten Halsketten, eine ehrabschneidende Bemerkung oder gar dubiose Drogengeschäfte der Auslöser gewesen sein. So ganz eindeutig lassen sich die den Taten vorangegangenen Auseinandersetzungen nämlich nicht nachvollziehen. Beides Mal spielten sich die Angriffe in Asylbewerberunterkünften ab. Beides Mal sind die Hauptzeugen – wie der Täter – Asylsuchende. Und in vielen Fällen „von der Afrika-Fraktion“, wie Oberstaatsanwalt Wolfgang Angster in seinem Plädoyer formuliert. „Wie bei den drei berühmten Affen will Keiner etwas gesehen oder gehört haben und Keiner will etwas sagen“, fasst Angster zusammen. Tatsächlich winden sich die gambischen Mitbewohner oder Landsmänner des jungen Somalier bei ihren Aussagen vor Gericht. Wollen gekocht, geschlafen oder gelernt haben – und von den lautstarken Streitigkeiten, den blutigen Attacken auf die Opfer nichts oder nur wenig mitbekommen haben. Und vor allem wollen sie ganz augenscheinlich eines: In nichts hineingezogen werden.

Zeuge aus Kanada eingeflogen

Ungeachtet dessen hat sich die Große Jugendstrafkammer anhand der Aussagen von zahlreichen Polizeibeamten, anhand des einwandfreien DNA-Abgleichs an einem der Tatwerkzeuge und mithilfe von kooperativeren Zeugen, von denen Einer sogar aus Kanada eingeflogen wurde, ein nachvollziehbares Bild der Taten verschaffen können. Die Einschätzung des forensischen Gutachters, der bei beiden Opfern ein mutwilliges Selbstverletzen mit Sicherheit ausschließen konnte, tut ein Übriges. Die psychiatrische Sachverständige schließlich lässt in ihrem Gutachten keinen Zweifel daran, dass der junge Mann mit seiner ganzen Fluchtgeschichte nach Jugendstrafrecht beurteilt werden muss.

Dem folgt die Kammer und verurteilt den jungen Mann nach Jugendstrafrecht. Der gibt weinend beim traditionell letzten Wort zu Gehör, er sei „nicht schuldig“, er wisse nicht, was diese Leute alles erzählen, im Gefängnis sei es nicht gut für ihn. „Wenn Sie mich verurteilen, dann möchte ich, dass Sie mich nach Somalia abschieben“, sagt der 19-Jährige, der noch nie im Gefängnis saß, schluchzend.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der Verteidiger kann binnen einer Woche Revision einlegen.

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