Interview: Für Biberach war die Reformation ein Modernisierungsschub

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Der katholische Pfarrer Kaspar Baumgärtner (links) und der evangelische Pfarrer Ulrich Heinzelmann sehen in der Ökumene eine Ch
Der katholische Pfarrer Kaspar Baumgärtner (links) und der evangelische Pfarrer Ulrich Heinzelmann sehen in der Ökumene eine Chance, die Menschen wieder für den Glauben zu begeistern. (Foto: Daniel Häfele)
Schwäbische Zeitung

„Die Reformation ist keine Triumphgeschichte“ – das sagt der evangelische Pfarrer Ulrich Heinzelmann. Für ihn sei es ein stückweit traurig, dass es so weit gekommen ist. Daniel Häfele hat mit ihm und dem katholischen Pfarrer, Kaspar Baumgärtner, über die Veränderungen in den beiden Kirchen gesprochen. Beide Geistlichen sind sich einig: Die Reformation ist nicht vorbei – im Gegenteil.

Herr Pfarrer Heinzelmann, Herr Pfarrer Baumgärtner. Wir führen heute ein „ökumenisches Interview.“ Vor wenigen Jahren wäre das fast unmöglich gewesen. Warum kam es zur Reformation in Biberach?

Heinzelmann: Freie Reichsstädte wie Biberach waren nicht nur in ökonomischer Hinsicht fortschrittlicher, sondern auch im Denken. Für die freien Reichsstädte bedeutete die Reformation eine Art „Modernisierungsschub“. Gleichzeitig schauten die Biberacher immer nach Ulm. Und da sich die Ulmer dem reformatorischen Denken zuwandten, gingen die Biberacher denselben Weg.

Baumgärtner: Die Reformation hatte in Biberach zum Ergebnis, dass 95 Prozent der Bürger evangelisch wurden. Denn die Reformation hatte sozusagen ein „Sahnehäubchen“: Klöster sowie innerstädtisches Besitztum konnte kommunalisiert werden. Das war ein großer Vorteil für freie Reichsstädte wie Biberach. Die restlichen fünf Prozent blieben Katholiken, dabei handelte es sich vor allem um Patrizier. Sie hatten genügend Geld, um sich bei Kaiser Karl V. das Recht zu kaufen, weiter in der Stadtpfarrkirche St. Martin katholische Messen abzuhalten. So entstand das Simultaneum.

Jetzt, 500 Jahre später, scheinen beide Kirchen immer näher zusammenzufinden. Auch Sie begehen das Jubiläum mit vielen gemeinsamen ökumenischen Gottesdiensten. Wieso ist Ihnen die Ökumene so wichtig?

Heinzelmann: Wir haben heute – und da sind sich beide Kirchen einig – die Aufgabe, gemeinsam dafür zu sorgen, dass das Christentum nicht verloren geht. Die Kirchen drohen in unserer Gesellschaft weiter marginalisiert zu werden. Wir, Katholiken und Evangelische, müssen ein Zeugnis für den christlichen Glauben abgeben. Das funktioniert nur gemeinsam, das Konkurrenzdenken sollten wir ablegen.

Baumgärtner: Ich sehe das genau so. Wir müssen miteinander die „christliche Fahne“ hochhalten. Zudem ist es für die meisten Menschen inzwischen irrelevant, ob jemand evangelisch oder katholisch ist.

Inwiefern kommt der Ökumene in Biberach eine besondere Bedeutung zu? Schließlich ist die Stadtpfarrkirche St. Martin eine der am längsten simultan genutzten Kirchen Deutschlands.

Heinzelmann: Da zwei Kirchengemeinden ein Gebäude nutzen, hätte Biberach die Chance, stärker ein gemeinsames Zeugnis gegenüber der Gesellschaft zu entwickeln. Ich würde sagen, wir Biberacher sind durch das Simultaneum in die Pflicht genommen, uns noch mehr in Sachen Ökumene anzustrengen als andere Kirchengemeinden. Es verbindet, wenn man unter einem Dach lebt.

Baumgärtner: Durch das Simultaneum sind die Reibungspunkte eben näher, die man miteinander klären muss. Aber nicht nur wir Stadtpfarrer wollen eng zusammenarbeiten. Es ist auch das Ziel unserer Landesbischöfe. Sie haben in St. Martin die Selbstverpflichtung zur Kooperation zwischen beiden Kirchen abgegeben.

Ist der Reformationstag eigentlich ein Grund zum Jubeln? Die 95 Thesen Martin Luthers hatten die Spaltung der abendländischen Kirche zur Folge.

Baumgärtner: Diese Frage ist mir von Katholiken schon öfters gestellt worden. Eigentlich hat die katholische Kirche nichts zu feiern, schließlich hat sich bei der Reformation mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland von ihr abgewandt. Trotzdem hat auch uns die Reformation etwas Entscheidendes gebracht: Die Entdeckung der Heiligen Schrift. Dass uns etwas im Wort Gottes gegeben ist, ist ein Grund zum Feiern.

Heinzelmann: Es ist natürlich immer schön, sich mit so einem Feiertag selbst zu bestätigen. Immerhin gibt es die evangelische Kirche jetzt seit 500 Jahren. Es ist gut, sich in einer nervösen Zeit wie heute klarzumachen, dass die evangelische Kirche eine lange Geschichte mit Hoch- und Tiefphasen, Öffnungen und konfessionellen Verhärtungen hat. Das gibt mehr Gelassenheit den heutigen Problemen der Kirche gegenüber. Was mir aber auch wichtig ist: Das Reformationsjahr soll ein Jahr der Buße sein. Sprich, dass wir uns die gegenseitige Verletzungsgeschichte der beiden Konfessionen vor Augen führen. Die Reformation ist keine Triumphgeschichte. Es ist ein stückweit traurig, dass es so weit gekommen ist.

Wie geht es nach dem Reformationsjahr weiter?

Heinzelmann: Wenn der 31. Oktober vorbei ist, ist es auch gut. Es gab in vielen Gemeinden tolle Aktionen wie Theater und Musicals, Vorträge und ökumenische Gottesdienste. Die Resonanz war viel stärker, als wir uns das je erhofft haben. Aber es ist auch schön, wenn wieder „Normalbetrieb“ einkehrt. Gleichzeitig sollten wir uns aber den Gedanken bewahren, wie wichtig es ist, dass sich Kirche immer weiter reformiert. Kirchen dürfen kein starrer Apparat sein, ansonsten verlieren sie ihre Daseinsberechtigung. Man könnte auch sagen: Die Reformation liegt nicht hinter uns, sondern vor uns.

Wenn man mit Ihnen ein Interview führt, merkt man, wie wichtig Ihnen das Gemeinsame, das Verbindende der Religionen ist. Die evangelische und katholische Kirche scheinen in Biberach gut zusammengefunden zu haben. Wird Ihnen das auch mit dem Islam gelingen?

Baumgärtner: Es gibt eine gemeinsame Grundlage: Wir gehören gemeinsam zu den Buchreligionen. Mit diesem Ansatz könnten wir ein stabiles Fundament schaffen, um Frieden zwischen den Religionen zu erreichen. Für uns ist das derzeit aber äußerst schwierig, weil uns der Ansprechpartner fehlt. Zudem muss der Islam erst noch die Aufklärung durchmachen, beispielsweise haben sie ein ganz anderes staatskirchliches Denken als wir.

Heinzelmann: Es ist uns beiden ein Anliegen, den Dialog mit dem Islam zu führen. Aber allein schon wegen der angespannten Beziehung zwischen Deutschland und der Türkei ist das schwierig. In der Vergangenheit war das schon einmal einfacher, weshalb ich hoffe, dass sich das wieder einrenken wird. Zudem hat der Islam noch nicht die Erfahrung einer Reformation gemacht. Wir finden bislang nicht die gleiche Sprache. Der gute Wille ist da, aber wir merken, dass wir oft aneinander vorbeireden.

Glaubensfrage: Familien müssen sich entscheiden
Katholisch oder Evangelisch? Diese Frage stellt sich seit 500 Jahren den Menschen. Auch heute noch müssen sich überkonfessionelle Familien entscheiden, in welcher Kirche sie sich das Ja-Wort geben wollen oder wie sie ihre Kinder taufen wollen. Wir haben eine dieser Familien in Biberach besucht und gefragt: Katholisch oder Evangelisch?
Talk mit Pfarrer Ulrich Heinzelmann

500 Jahre Reformation - zu diesem Anlass haben Daniel Häfele, SZ-Redakteur in Biberach, und der evangelischen Pfarrer Ulrich Heinzelmann über den anstehenden Höhepunkt des Jubiläum gesprochen.

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