Ingwer für die Stimme, Band für die Sinne

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Mit ihrer Hommage an Nancy Wilson hat die Jazzsängerin Fauzia Maria Beg das Publikum in ihren Bann gezogen.
Mit ihrer Hommage an Nancy Wilson hat die Jazzsängerin Fauzia Maria Beg das Publikum in ihren Bann gezogen. (Foto: Helmut Schönecker)
Schwäbische Zeitung
Helmut Schönecker

Mit Songs ihrer neuen CD „Fancy Miss Nancy“ hat die aus Mumbai stammende Sängerin Fauzia Maria Beg ein fachkundiges Publikum bei einem Konzert des Jazzclubs in Biberach beeindruckt. Das Album entstand im vergangenen Jahr als Hommage an die amerikanische Jazz-Sängerin Nancy Wilson in Zusammenarbeit mit dem Lorenzo Petrocca Trio.

Die Songs der mittlerweile 80-jährigen, mehrfachen Grammy-Preisträgerin wurden dabei nicht nur gecovert oder als Baumaterial für gleichnamige neue Stücke ausgeschlachtet. Mit ihrer charakteristischen und enorm wandlungsfähigen, großen Stimme gewährte die wegen einer Erkältung mit Ingwerwasser „gedopte“ Fauzia Maria Beg den Stücken eine respektvolle und würdige Reinkarnation im Geiste unserer Zeit. Bereits mit dem international profilierten „Lorenzo Petrocca Organ Trio“ aus Stuttgart fand die in Tübingen lebende Sängerin kongeniale Partner für ihr CD-Projekt. Für den Biberacher Auftritt ersetzte die an der Musikhochschule München unterrichtende Hammond-Orgel-Koryphäe Andreas Kissenbeck den Stammorganisten Thomas Bauser, Arnim Fischer war der ruhende Pol am munter groovenden Schlagzeug.

Zeitreise in die 1960er-Jahre

Mit diesem „Dreamteam“ und dem druckvollen Vintage-Sound aus R’n’B und Soul brachte die Formation den Jazzkeller in kurzer Zeit zum Brodeln. Angefeuert durch den legendären, sengend heißen B3-Hammond-Sound in Kombination mit den rotierenden Lautsprechern eines originalen Leslie-Tonkabinetts aus den 1960er-Jahren wähnte sich der Fan dieser Musik mit leuchtenden Augen und glühenden Ohren gleich wie in einer Magmakammer. Die organische Verbindung dieses Retro-Sounds mit dem Jazz darf als Meisterleistung und beinahe schon als Alleinstellungsmerkmal für diese Formation gelten.

Gänsehaut setzt ein

Faszinierende Gitarrenimprovisationen von Lorenzo Petrocca, dessen druckvoller Gibson-Fender-Sound vielleicht in der transparenten Jazzkeller-Akustik etwas zu mittig geraten war, vor allem aber die in ihrer Spontaneität und Genialität selten übertroffenen Hammond-Licks und Soloimprovisationen von Andi Kissenbeck ließen den Gänsehauteffekt gar nicht mehr abklingen.

Was das Ingwerwasser für die Stimme, war diese Band für die Sinne: stimulierend, aufbauend, gesundheitsfördernd. Symbolisch für ihre eigene Rolle in der Traumformation erwies sich der Song „Peel me a grape“ („Schäl‘ mir eine Weintraube“). Von ihren Mitmusikern verwöhnt und buchstäblich „auf Händen getragen“ zelebrierte die indische Diva ihre Show mit enormer aber gleichwohl sympathisch dezenter Bühnenpräsenz.

Am eindrucksvollsten gelangen die Balladen, die nicht nur tiefempfundenen Ausdruck in echter Emotionalität sondern auch ausgiebigen Freiraum für interaktive Ausgestaltung in spontaner Improvisationslust ermöglichten.

Auch hier ragte der Gaststar Kissenbeck immer wieder durch überraschende, ungewöhnliche oder auch witzige Nuancierungen und Registrierungen heraus. Der genussvolle Abend im Jazzkeller, einmal nicht in der stilistisch vordersten, experimentierfreudigen Avantgarde angesiedelt, hätte getrost noch länger dauern können.

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