Huber sieht in der Digitalisierung keine Glücksverheißung

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Wolfgang Huber sprach bei seinem Vortrag in der Kreissparkasse Biberach Klartext zum Thema Digitalisierung.
Wolfgang Huber sprach bei seinem Vortrag in der Kreissparkasse Biberach Klartext zum Thema Digitalisierung. (Foto: Volker Strohmaier)
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Als größten Epochenumbruch seit der Erfindung des Buchdrucks hat Theologieprofessor Wolfgang Huber die Digitalisierung bezeichnet. Der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende sprach vor rund 400 Besuchern beim Forum der Kreissparkasse Biberach am Dienstagabend vor allem über die ethischen Herausforderungen der Digitalisierung.

2002 sei das erste Jahr gewesen, in dem weltweit mehr digitale als analoge Informationen zur Verfügung gestanden hätten, so Huber. Seither hätten sich die Proportionen dramatisch verschoben. Die Epoche der analogen/gedruckten Information komme mit einer Geschwindigkeit an ihr Ende, wie man es noch vor Jahren nicht geglaubt hätte. Dies müsse aber nicht zwangsläufig zu einer Spaltung der Gesellschaft in ältere, eher in der analogen Welt verhafteten und jüngere, dem Digitalen aufgeschlossene Menschen führen. „Auch heutige Kinder kommen als analoge Wesen auf die Welt, nicht als digitale“, so Huber. Dass bereits Kleinkinder in Smartphones starrten, liege nicht an den Kindern, „sondern an Müttern, die ihre Kinder nicht anders zu beschäftigen wissen“, sagte Huber und erhielt dafür Applaus.

Deshalb gehöre zur zentralen Kulturtechnik unserer Zeit, nicht nur zu wissen, „wie man diese Dinger bedient, sondern auch, wie man sie ausschaltet“, so Huber. Der 76-Jährige, der auch dem Nationalen Ethikrat angehörte, sagte, er sehe in der Digitalisierung kein Horrorgemälde, aber auch keine euphorische Glücksverheißung und appellierte an einen nüchternen Umgang damit. „Wir sollten die Digitalisierungsmöglichkeiten als Assistenz für menschliches Handeln nehmen, aber eine Vereinbarung treffen, dass sie nicht die Herrschaft über menschliches Handeln erlangen.“

Huber betrachtete die Digitalisierung in seinem Vortrag unter drei Fragestellungen: der Frage nach der Autonomie, der Arbeit und ihrer Veränderung sowie der Veränderung der menschlichen Kommunikation. Den Begriff „autonom“ bezeichnete Huber im Zusammenhang mit der Digitalisierung (autonomes Fahren, autonome Waffen) als irreführend. Die Anwendung des Begriffs „autonom“ habe im Konfliktfall eine sehr starke Entlastungsfunktion, nach dem Motto: Das hat die Maschine selbst so entschieden, den Mensch trifft keine Verantwortung. „Autonom“ bedeute zwar eine Freiheit des Einzelnen, „diese Freiheit ist aber an moralische und ethische Regeln gebunden“, sagte Huber und forderte: „Wir müssen verlangen, dass die Menschen die Verantwortung über diese Geräte nicht aus der Hand geben.“ Man könne sich deren assistierende Fähigkeiten zwar zunutze machen, sie könnten die Empathie und die situationsbezogene Kreativität eines Menschen nie ersetzen.

Diese Erkenntnis hat laut Huber auch Auswirkungen auf die Arbeitswelt. „Wir können die Digitalisierung oder Roboter so einsetzen, dass sie uns schwere Arbeiten, zum Beispiel auch im Pflegebereich, abnehmen.“ Dieser Umstand gelte auch im Dienstleistungssektor, unter anderem bei den Banken. So sei die dezentrale, persönliche Nähe zum Kunden wichtig. „Das ist der Grund, weshalb ich glaube, dass die Sparkassen, zusammen mit den Genossenschaftsbanken, so unersetzliche Säulen im Bankensystem unseres Landes sind“, meinte Huber.

Unternehmer in der Verantwortung

Die Digitalisierung dürfe nicht als Begründung dafür dienen, dass Menschen ihre Arbeit verlören, vielmehr stünden die Unternehmer in der Verantwortung neue Fähigkeiten aufzubauen. Aus diesem Grund sprach sich Huber auch gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen aus. Damit nehme man die Unternehmer aus der Verantwortung. „Es muss auch in Zeiten der Digitalisierung möglich sein, dass Menschen auch in Zukunft mit ihrer eigenen Hände Arbeit Sinnvolles tun und damit ihren Lebensunterhalt verdienen können“, sagt Huber unter dem Beifall der Zuhörer.

Was die Kommunikation im digitalen Zeitalter betreffe, so sei die Menschheit heute zwar in der Lage, weltweit zu kommunizieren und sich zu informieren. Den wahren Nutzen dieser Chance habe sie bisher aber noch nicht angenommen. Stattdessen seien die Menschen in den digitalen Netzwerken in Filterblasen und Echokammern gefangen. Die Folge: eine Unterhöhlung der gesellschaftlichen Pluralität.

Huber brach auch eine Lanze für die EU-Urheberrechtsreform. Es sei ein falsches Verständnis von Freiheit, wenn man verlange, „dass einem geistiges Eigentum anderer kostenlos geliefert wird“. Martin Bücher, Vorstandsvorsitzender der Kreisparkasse Biberach, bedankte sich bei Huber für seinen engagierten Vortrag, der im Anschluss für weitere Gespräche zur Verfügung stand.

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