Hilfe: Dumke will Menschen von der Kette holen

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Gregoire Ahongbonon öffnet das Schloss an der Kette, die Marcellin Kouassi Kouadio (rechts) gefangen hält.
Gregoire Ahongbonon öffnet das Schloss an der Kette, die Marcellin Kouassi Kouadio (rechts) gefangen hält. (Foto: Heinz Heiss)

Der Biberacher Psychiater Hans-Otto Dumke möchte in Biberach eine Gruppe aufbauen, die psychisch Kranken in Westafrika hilft. Im Februar las er in der Zeitschrift „Chrismon“, einer Beilage zu „Zeit“ und „Süddeutscher Zeitung“, vom Kampf einer kleinen Gruppe in Westafrika für die so genannten Kettenmenschen – psychisch Kranke, die über Jahre an Bäume oder Mauern gekettet sind. „Das sind Zustände, wie man sie in Europa im 18. Jahrhundert hatte. Wer auffällig war, wurde weggesperrt“, sagt Dumke.

Der Psychiater meldete sich bei dem Journalisten Wolfgang Bauer. 2002 hatte Bauer Westafrika besucht und schrieb über das Hilfsprojekt St. Camille, das den Kettenmenschen hilft. Bauer hat schon viele Katastrophen gesehen, berichtete vor Kurzem für die „Zeit“ über den Krieg in Libyen. „Wenn ich über ein Projekt berichte, hinter dem eine große Hilfsorganisation steht, denke ich, dass ich durch den Bericht meinen Beitrag geleistet habe.“

Hinter dem Projekt Kettenmenschen steht aber keine große Organisation, sondern ein ehemaliger Taxifahrer. Gregoire Ahongbonon hat schon mehrere Tausend Menschen gefunden und aus ihren Dörfern geholt. Er weiß inzwischen, wie man Ketten von Hand- oder Fußgelenken absägt, ohne Menschen dabei zu verletzen. Bauer holt einen Metallbügel aus der Tasche und legt ihn auf den Tisch. Innen ist der schwarze Bügel rot-braun verfärbt von den Hautresten eines Mannes, der jahrelang mit dem Bügel ums Handgelenk festgekettet war.

„Ich konnte nicht nach Hause fahren und nichts tun“, sagt Bauer. Er sammelt für den so genannten Freundeskreis St. Camille in Deutschland Spenden, mit denen der Unterhalt für die Befreiten und ihre Medikamente bezahlt werden.

Dumke möchte St. Camille in Biberach bekannt machen und auch hier Spenden auftreiben. Dass die Kranken mit Medikamenten versorgt werden, ist auch bei ihrer Wiedereingliederung in ihre Familien und Dorfgemeinschaften wichtig, erklärt er. Schließlich gelten in Westafrika die Symptome psychischer Erkrankungen als Zeichen dafür, dass jemand von einem Dämon besessen ist. Ohne die Medikamente laufen die Kranken Gefahr, nach der Rückkehr erneut an der Kette zu landen. „Auf der Skala der Kranken stehen die psychisch Kranken überall ganz unten“, sagt Dumke.

Dumke war früher der Ärztliche Direktor des Zentrums für Psychiatrie in Bad Schussenried. Er klärt regelmäßig über psychische Erkrankungen auf. Nach dem Suizid von National-Torwart Robert Enke erklärte er in einem Vortrag die Krankheit Depression. Regelmäßig spricht er über Personen der Zeitgeschichte, die an psychischen Erkrankungen litten – Hölderlin, Goethe, Kleist. „Dann sagen die Leute: Mensch, der hatte das auch. So schlimm kann es dann ja nicht sein.“

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