Gut Kirschen essen bei Wind und Wetter

Lesedauer: 8 Min

Während der Biberacher Marktplatz noch im Morgendunst liegt, baut Obst- und Gemüsehändler Werner Russ (.l) bereits seinen Stand
Während der Biberacher Marktplatz noch im Morgendunst liegt, baut Obst- und Gemüsehändler Werner Russ (.l) bereits seinen Stand für den Wochenmarkt auf. (Foto: Birga Woytowicz)
Crossmedia-Volontärin

Der Wecker klingelt um halb fünf, eine Tasse Tee, dann geht’s direkt los ins Geschäft. Lange hält sich Werner Russ aus Untersulmetingen dort aber nicht auf. Nachdem er seinen Lastwagen mit Paletten voller frischem Obst und Gemüse beladen hat, fährt er weiter. Mit seinem Früchtehandel ist Russ auf sechs verschiedenen Wochenmärkten in der Region vertreten. Mittwochs und samstags baut er seinen Stand in Biberach auf. Die „Schwäbische Zeitung“ hat ihn und sein Team eine Stunde lang begleitet.

Um Punkt sechs Uhr beginnt der Aufbau auf dem Biberacher Marktplatz. Der Laster mit der Ware bleibt zunächst verschlossen. Russ und seine drei Mitarbeiter widmen sich zunächst ihrem Stand. Der ist in einem Anhänger verpackt. Die Überdachung samt Beschilderung der Ware lässt sich einfach ausklappen, ebenso die Bodenplatten, die schließlich als Theke dienen. Russ klemmt daran zur Erweiterung noch halbrunde Tische fest. Dann verkleidet er die Theke mit grünen und orangefarbenen Planen. An einer Metallstange hängen Plastik- und Papiertüten bereit.

Sobald alles steht, fangen Russ und sein Team an, die Ware auszuladen. Er bezieht sie von regionalen Bauern und kauft drei bis vier Mal in der Woche im Großhandel ein. Wie viel an einem Markttag über den Tisch geht? „Eine Tonne Obst und Gemüse“, schätzt Russ. Genau wisse er es aber nicht. Beim Einkauf habe er Erfahrungswerte. „Irgendwann weiß man einfach, was man braucht.“

Die Kinder packen mit an

Seit 35 Jahren betreibt der 57-Jährige den Früchtehandel hauptberuflich – in zweiter Generation, zusammen mit seiner Frau. Schon als Kind packte er bei seinen Eltern mit an. Sein Sohn Andre arbeitet bereits Vollzeit im Betrieb mit. Er wird ihn irgendwann übernehmen. Auch die vier anderen Kinder helfen manchmal am Wochenende oder in den Ferien aus.

Der Beruf liege ihm schlichtweg. Das frühe Aufstehen, die Schlepperei? „Alles eine Sache der Gewohnheit“, findet Russ. „In meinem Job komme ich auf jeden Fall auf meine 10 000 Schritte am Tag, oder mehr.“ Russ lacht. Selbst nach Feierabend denkt er nicht daran, die Beine hochzulegen. „Ich spiele Fußball, als Ausgleich.“

Auch Russ’ Mitarbeiter empfinden die Arbeit nicht als besonders stressig. „Jeder Job ist auf seine eigene Art anstrengend“, sagt Iris Hocker. Sie ist seit einem guten Monat mit dabei und vor einem Jahr Mutter geworden. „Das ist optimal. Ich bin früh zu Hause und habe noch etwas vom Tag.“ Früher hat sie in einer Bäckerei gearbeitet. „Die Kunden auf dem Markt sind entspannter. Da ist es kein Problem, mal warten zu müssen.“ Sie genieße es zudem, mit dem einen oder anderen zu schwätzen, sagt Iris Hocker.

In Biberach hielten sich die Kunden jedoch eher kurz am Stand auf, erzählt Harald Unrath. „In Oberdischingen zum Beispiel gehören wir mit zum Ortsgeschehen. Da ist der Markt der Mittelpunkt der Dorfgemeinschaft.“ Kundenbeziehungen und Gespräche seien dadurch viel persönlicher. Doch Unrath mag es, nicht immer am gleichen Ort zu sein. Je mehr Abwechslung, desto besser, sagt er.

Für Werner Russ gibt es noch einen weiteren Pluspunkt in seinem Job. „Es gibt keine andere Branche, in der die Farbvielfalt so groß und natürlich ist.“ Richtet er seine Theke an, achtet er auch stets auf die Optik. So sortiert Russ die Himbeeren zwischen Heidel- und Brombeeren ein. „Schwarz, Rot, Schwarz. Jeder will ja den schönsten Stand haben.“ Den gebe es natürlich nicht, ergänzt Russ. Jeder verfolge da sein eigenes Konzept. Generell gebe es kein Konkurrenzdenken zwischen den Markthändlern.

Obst wird oft spontan gekauft

Für Russ kommt es aber nicht nur auf die Farbe, sondern auch auf die richtige Lage seiner Ware am Stand an. So müsse das Obst dort ausliegen, wo die meisten Menschen vorbeigehen. „Bei frischem Obst ist es meistens ein Spontankauf. Das Gemüse haben die meisten eigentlich schon im Kopf.“

Unter dem Strich zählt für Russ der Umsatz. Generell verkaufe sich Saisonware immer am besten. „Jetzt im Herbst sind das zum Beispiel Trauben, Äpfel oder Zwetschgen“, sagt er. 70 Prozent seiner Kunden seien Stammkunden, schätzt Russ. Der Rest sei Laufkundschaft. Er ist zufrieden mit seinem Geschäft.

Doch für Markthändler sei es schwerer geworden. Frische Küche werde vernachlässigt, sagt Russ. „Es gibt mehr Berufstätige, die sind nicht immer zu Hause. Und beim Essen wollen die Leute etwas Schnelles.“ Daher setzt er auf sogenannte Convenience-Produkte: Er bietet fertige Obstsalate und geschnibbelte Gemüsemischungen an. Zudem stellt Russ eigene Marmeladen her. „Es gibt ja immer mehr Singles oder auch alleinstehende Rentner“, sagt Mitarbeiter Unrath. „Die fangen nicht mehr an, selbst Marmelade einzukochen, wollen aber auch nicht darauf verzichten.“

Auch ein Supermarkt könne nicht mit dem Angebot auf einem Markt mithalten, sagt Russ. „Der Vorteil ist, dass wir Kunden beraten können. Wir wissen direkt, welcher Apfel süß oder sauer ist. Oder welches Obst man, wann am besten einkochen kann.“

Werner Russ stellt sich auf seine Kunden ein. Und verzichtet dafür samstags sogar noch auf etwas mehr Schlaf als unter der Woche. Am Wochenende baut er seinen Stand noch früher auf. Zum einen gibt es mehr Ware, zum anderen ist selbst dem einen oder anderen Kunden am Wochenende nicht nach Ausschlafen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen