Grundlagenforschung trifft Pharmaindustrie

So sieht Forschung in Laboren von Boehringer Ingelheim aus.
So sieht Forschung in Laboren von Boehringer Ingelheim aus. (Foto: Oliver Jung/Boehringer Ingelheim)
Schwäbische Zeitung

Bereits seit 2011 verbindet das BIU Bio-Center universitäre Grundlagenforschung mit der Entwicklungskompetenz eines führenden Pharmaunternehmens. Jetzt haben die starken regionalen Partner, die Universität Ulm und das Biberacher Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim, die nächste Förderphase mit jährlich 800 000 Euro vertraglich abgesichert: BIU 2.0. Auch in den kommenden Jahren wird im Forschungsverbund insbesondere zu molekularbiologischen Grundlagen häufiger Krankheitsbilder geforscht. Immer mit den Zielen, die Diagnostik zu verbessern und neue Therapieansätze zu entwickeln.

Bei seiner Gründung in 2011 war das Boehringer Ingelheim Ulm University Bio-Center (BIU) als Public-Private-Partnership-Verbund zwischen einer Universität und einem Pharmaunternehmen deutschlandweit einmalig. Und noch immer setzt das Bio-Center Maßstäbe: Der Zusammenschluss führender Köpfe aus der universitären Grundlagenforschung und aus der Industrie hat die Güte eines Sonderforschungsbereichs. Weiterhin fördert das Verbundprojekt die Innovationskraft des bereits starken Biotechnologie- und Pharmastandorts Ulm-Biberach.

„Im Verbund BIU 2.0 werden wissenschaftliche Fragestellungen bearbeitet, die für die Universität Ulm wie auch für Boehringer Ingelheim relevant sind. Durch diese Zusammenarbeit können Ergebnisse aus der universitären Forschung zeitnah in die Entwicklung neuer Therapien einfließen“, betont Professor Klaus-Michael Debatin, Sprecher des Forschungsverbunds und Vizepräsident für Kooperationen der Universität Ulm. „Die Kooperation ermöglicht es uns, wertvolle Synergien zwischen der Grundlagenforschung, der pharmazeutischen Forschung und ihrer klinischen Anwendung zu schaffen. Ich freue mich, dass wir auch in Zukunft unsere regionale Expertise nutzen werden, um translationale Forschung voranzutreiben und neue Therapiemöglichkeiten für Patienten auf den Weg zu bringen.“, ergänzt der stellvertretende Vorstandssprecher Dirk Stenkamp, Leiter Forschungsstandort Deutschland bei Boehringer Ingelheim am Standort Biberach.

Seit der ersten Förderphase in 2011 steht die Forschung zu häufigen neuropsychiatrischen und kardiometabolischen Krankheitsbildern sowie zu Lungenerkrankungen im Zentrum des Bio-Centers. 2016 kam das Querschnittsthema Immunmodulation hinzu: Durch eine Beeinflussung der Immunreaktion lassen sich beispielsweise bei chronischen Darmerkrankungen, Allergien, Rheuma oder bestimmten Krebsarten Behandlungserfolge erzielen. In der nun besiegelten zweiten Förderphase, BIU 2.0, wird das Forschungsspektrum um den Bereich „Research Beyond Borders“ (Forschung jenseits der Grenzen) ergänzt. Dieser Bereich ist der „Innovations-Radar“ von Boehringer Ingelheim, der die Möglichkeiten neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse auslotet. Die Projekte der zweiten Förderphase sind bereits Anfang April gestartet. In der ersten Förderphase waren BIU-Forschende hocherfolgreich. Neben zahlreichen Fachpublikationen hat der Verbund vielversprechende Forschungsergebnisse hervorgebracht. Auf dem Gebiet Neuropsychiatrie ist es beispielsweise gelungen, Biomarker im Liquor zu identifizieren, die eventuell eine präzisere Diagnose von Depression ermöglichen.

Im Bereich der kardiometabolischen Erkrankungen suchen die Forscher gemeinsam nach Therapien gegen Adipositas und damit verbundenen Folgeerkrankungen. Dazu setzen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf das sogenannte „Browning“ von Fettzellen. Dafür werden Faktoren gesucht, die Vorläuferzellen im Fettgewebe dazu bringen, vornehmlich „nützliche“ braune statt „schädliche“ weiße Fettzellen zu bilden. Braunes Fettgewebe ist dafür bekannt, dass es Energie verbraucht und in Form von Wärme abgibt, wodurch es zu einer positiven Beeinflussung des Stoffwechsels kommt.

Ein weiteres BIU-Projekt hat zu einem tieferen Verständnis der embryonalen Entwicklung der Bauchspeicheldrüse im Kontext von Diabeteserkrankungen geführt. Die Forscher haben ein „Diabetesgen“ entdeckt und charakterisiert. Dadurch konnten sie zeigen, dass bestimmte genetische Programme die Entwicklung von Diabetes beschleunigen, aber auch für die Wahl der besten Therapie entscheidend sein können. Diese Erkenntnisse tragen eines Tages womöglich zur Entwicklung neuartiger und personalisierter Therapien bei. In dem Zusammenhang haben die Forscher außerdem ein Modellsystem der Bauchspeicheldrüse für Erkrankungen wie Pankreaskrebs und Diabetes etabliert, das Tierexperimente ersetzen soll.

Die Nachwuchsförderung des Forschungsverbunds läuft größtenteils über die internationale Graduiertenschule für Molekulare Medizin, die im Zuge der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder an der Universität Ulm etabliert wurde. „BIU-Doktorandinnen und -Doktoranden werden an der Universität und bei Boehringer Ingelheim betreut. Sie haben die Möglichkeit, an beiden Standorten zu forschen und bereits während der Promotion Industriekontakte zu knüpfen“, erklärt Professor Thomas Wirth, Dekan der Medizinischen Fakultät.

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