Große Filmwelt in beschaulichem Ambiente: Wie die Filmfestspiele entstanden sind

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Biberacher Filmfestspiele 2004: Volker Schlöndorff (re.) erhält den Goldenen Biber aus den Händen von Adrian Kutter für seinen F
Biberacher Filmfestspiele 2004: Volker Schlöndorff (re.) erhält den Goldenen Biber aus den Händen von Adrian Kutter für seinen Film „Der neunte Tag“. (Foto: KLiebhan)
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Was den Berlinern ihr Goldener Bär ist, das ist den Biberachern ihr Goldener Biber. In mehr als vier Jahrzehnten hat sich die Stadt an der Riß einen klangvollen Namen in der Welt des deutschsprachigen Films gemacht. Jedes Jahr Ende Oktober/Anfang November präsentieren bekannte Filmemacher und Schauspieler und solche, die auf dem Weg dazu sind, ihre aktuellen Produktionen bei den Biberacher Filmfestspielen.

Die Filmteams wissen, dass sie hier die normalen Kinogänger vor sich haben und nicht Horden von Akkreditierten und Besserwissern.

Adrian Kutter

Deren Gründer Adrian Kutter hat die künstlerische Leitung seines Festivals bereits vor zwei Jahren nach der 40. Auflage an seine Frau Helga Reichert abgegeben, sein Name ist und bleibt aber untrennbar mit dem Festival verbunden – weshalb die Stadt Biberach dem 77-Jährigen vor Kurzem die äußerst seltene Würde eines Ehrenbürgers zuteil werden ließ.

Adrian Kutter ist seit Jahrzehnten ein unermüdlicher, selbstbewusster, mitunter auch streitbarer Überzeugungstäter, wenn es um den deutschen Film geht. Kutter und Film – das ist in Biberach eine Verbindung, die mehr als 100 Jahre zurückreicht. Gottlob Friedrich Erpff, Adrian Kutters Großvater mütterlicherseits, eröffnete 1912 das erste Kino der Stadt. Vater Anton Kutter arbeitete bis Mitte der 1950er-Jahre als Filmregisseur in München, ehe er die Leitung des Kinobetriebs in Biberach übernahm.

Entschluss gefasst, ein anderes Kino zu machen

Sohn Adrian wollte nach seiner Bundeswehr- und Studienzeit eigentlich nicht mehr in die Heimatstadt zurück, Oberschwaben war ihm zu provinziell. Der Vater überredete ihn schließlich, zurückzukommen und in den Kinobetrieb einzusteigen, der die Existenz der Familie sicherte. Kaum daheim, fasste er 1973 den Entschluss, „kein normales Kino wie in jeder Klein- und Mittelstadt machen zu wollen“. Einen der beiden Kinosäle wandelte er zu einem „Filmkunsttheater“ um – zunächst zum Verdruss des Vaters.

Adrian Kutter jedoch fand Unterstützer für seine Idee des Filmkunsttheaters. In München knüpfte er in den frühen 1970er-Jahren Kontakt zum „Filmverlag der Autoren“. Junge und damals unbekannte Filmemacher wie Fassbinder, Wim Wenders oder Hans W. Geissendörfer (Produzent der „Lindenstraße“) versuchten dort, ihre nicht am kommerziellen Kino ausgerichteten Filme besser zu vermarkten und auf die Leinwand zu bringen.

Hier sehen Sie ein Video von der Eröffnung der 42. Biberacher Filmfestspiele:

Es ist das Familientreffen der deutschsprachigen Filmszene – die 42. Biberacher Filmfestspiele haben am Dienstag, 27. Oktober, begonnen.

Als Kutter ihnen anbot, ihre Filme in Biberach zu zeigen, rannte er damit offene Türen ein. Der Erste, der nach Biberach kam und sich mit einem Film der Publikumsdiskussion stellte, war im Dezember 1975 der Regisseur Werner Herzog. Er war von der Stimmung derart begeistert, dass er anregte, Biberach „zu einem Stützpunkt des deutschen Films“ auszubauen.

Biberach ist das Mekka des deutschen Films und Adrian Kutter unser Prophet. 

Volker Schlöndorff

In den Folgejahren holte Kutter weitere, heute klangvolle Namen des deutschen Films an die Riß. Im März 1978 richtete er das „Sternchen“ ein – ein kleines Programmkino mit Theke und drehbaren roten Sofas, in dem es sich beim Wein vortrefflich über Filme diskutieren ließ – „manchmal bis vier Uhr morgens“, erzählt Kutter. „Wenn Kino überlebt, dann hier“, schrieb „Sternchen“-Taufpate Wim Wenders damals ins Gästebuch. Volker Schlöndorff ergänzte bei einem Besuch im Juni 1979: „Biberach ist das Mekka des deutschen Films und Adrian Kutter unser Prophet.“

Einer Anregung des Regisseurs Bernhard Sinkel folgend, veranstaltete Kutter Ende 1979 das erste „Filmfest der Deutschen Filmemacher und dem Kinopublikum“, wie die Filmfestspiele etwas holprig bei ihrer Premiere hießen. 13 Regisseure waren dabei, darunter Ottokar Runze, Hans W. Geissendörfer, Edgar Reitz und Bernhard Sinkel, die sich nach ihren Filmen der Publikumsdiskussion zu stellen hatten. Seit 1982 gehören auch Dokumentarfilme als eigene Kategorie zu den Biberacher Filmfestspielen.

Dörrie, Wortmann, Tykwer oder Emmerich waren schon in Biberach

Adrian Kutter knüpfte Kontakte zu den Filmhochschulen in der Bundesrepublik und gab vielen angehenden Regisseuren die Chance, ihre Abschlussarbeiten beim Festival in Biberach zu zeigen. Doris Dörrie, Sönke Wortmann, Tom Tykwer oder Roland Emmerich waren an der Riß zu Gast, Jahre bevor die nationale oder internationale Filmwelt sie kannte.

Die meisten vergaßen „ihrem“ Adrian diese Starthilfe nicht und kommen bis heute auch mit ihren großen Kinoproduktionen nach Biberach – im Schlepptau meist viele bekannte Schauspieler, die das Festival so ebenfalls kennen und schätzen lernen; einerseits, weil das Biberacher Publikum so gern diskutiert, andererseits weil man in Biberach eben doch unter sich ist – fernab vom Fotografengetümmel und der Pressemeute bei den großen Festivals.

Hier sehen Sie eine Bildergalerie von der Preisverleihung 2019: 

Eine Philosophie, an der Kutter über vier Jahrzehnte festhielt: „Die Filmteams wissen, dass sie hier die normalen Kinogänger vor sich haben und nicht Horden von Akkreditierten und Besserwissern.“ Jeder, der die Filmfestspiele einmal besucht hat, kann das bestätigen: Im Biberacher Kinofoyer zeigen sich auch Stars wie Ben Becker, Klaus Maria Brandauer oder Herbert Grönemeyer, die sonst als eher öffentlichkeitsscheu und raubeinig gelten, ganz handzahm im Gespräch mit dem normalen Kinogänger.

So wie sich die Filmbranche in den Jahrzehnten wandelte, so veränderten sich auch die Biberacher Filmfestspiele. Inzwischen werden Preise – in Biberach heißen sie sinnigerweise „Biber“ – in neun Kategorien vergeben, seit 2009 auch für den besten Fernsehfilm.

Mehr als 13.000 Besucher kommen jährlich

Bevor Corona das Festival dieses Jahr ein Stück weit ausbremste, wurden jeweils mehr als 60 Filme gezeigt, auch die Zuschauerzahl hatte sich seit Jahren stabil jenseits der 13 000er-Marke eingependelt. Das sicherte die Finanzierung des Festivals ab, zusammen mit wirtschaftsstarken örtlichen Sponsoren. Stadt und Land tragen mit Fördergeldern ebenfalls dazu bei.

Die neue Intendantin Helga Reichert machte sich aber auch im Pandemiejahr dafür stark, die Filmfestspiele als Präsenzveranstaltung abzuhalten und erntete dafür Lob aus der Filmbranche, unter anderem vom früheren Berlinale-Direktor Dieter Kosslick, der in Biberach als Juror tätig war. Und wer weiß, vielleicht führt eine direkte Linie von den Biberacher Filmfestspielen 2020 zur nächsten deutschen Oscar-Gewinnerin? Denn Regisseurin Julia von Heinz erfuhr just beim Festival in Biberach, dass ihr Film „Und morgen die ganze Welt“ 2021 ins Rennen um eine Nominierung für den Auslands-Oscar geht.

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