Große Gefühle auf einer Farm in Iowa

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Maike Switzer und Christian Alexender Müller spielten die Hauptrollen im Musikal „Brücken am Fluss“.
Maike Switzer und Christian Alexender Müller spielten die Hauptrollen im Musikal „Brücken am Fluss“. (Foto: Günter Vogel)
Günter Vogel

Das Musical „Brücken am Fluss“ zeigt, wie eine zufällige Begegnung die Gefühle einer Farmersfrau zum haltlosen Schwirren bringt. In Biberach gastierte damit das Eurostudio Landgraf.

Der Roman von Robert James Waller, erschienen 1992, hielt sich zwei Jahre an der Spitze der Bestsellerliste der „New York Times.“ 1995 folgte der Film von und mit Clint Eastwood und mit Meryl Streep. 2013 entstand daraus ein Musical. Das Buch verfasste Marsha Norman; die Musik stammte von Jason Brown.

Das Musical erzählt eine Geschichte von großer Liebe und von Verzicht in einer Zeit an der Schwelle zu tiefgreifendem gesellschaftlichem Wandel.

Worum geht es? In Madison County im Südwesten von Iowa stehen sechs überdachte Brücken, gleichsam ein charakteristisches Wahrzeichen. Der Fotograf Robert Kincaid (Christian Alexander Müller, auch Regisseur und Bühnenbildner) ist 1965 für eine Fotoreportage des „National Geographic“ unterwegs, um diese Brücken zu fotografieren. Er trifft zufällig auf Francesca Johnson, die aus Süditalien stammt (Maike Switzer). Sie lebt seit vielen Jahren mit ihrem Mann Bud und den beiden fast erwachsenen Kindern auf einer Farm. Zum Handlungsbeginn singende Ruhe, man feiert Geburtstag, alles sehr sympathisch. Später ist Francesca allein zu Haus; ihre Familie ist für einige Tage verreist. Aus dem zufälligen Treffen mit Robert wird eine schicksalhafte Begegnung, bei der die Gefühlsverwirrungen nicht mehr kontrollierbar über beiden zusammenschlagen. Sie zieht ihn in das Schlafzimmer.

Der Fotograf weckt in Francesca schlagartig Sehnsüchte und Wünsche, er selbst ist von der klugen und leidenschaftlichen Frau fasziniert. Die Begegnung wird beide für immer verändern. Seitenstränge zeigen zusätzlich zur zentralen Handlung die beiden halb erwachsenen Kinder, die mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind. Sohn Michael (Lukas Weinberger) will nicht Farmer werden. Tochter Carolyn (Nina Bülles) möchte eine eigene Familie haben. Es gibt die Freunde Charly und Marge (Steffen Friedrich, Anja Gutgesell). Ehemann Bud (Udo Eickelmann) ist ihr ein guter Lebenspartner, aber sie liebt ihn nicht. Francesca muss sich entscheiden. Sie bleibt bei ihrer Familie.

Jahre vergehen. Carolyn hat geheiratet, eine kleine Tochter bekommen. Michael hat studiert, ist Mediziner geworden. Bud ist gestorben. Robert ist schwer erkrankt, stirbt, schickt Francesca als letzten Gruß seine Kamera und Fotos von ihr auf einer der Brücken.

Anklänge an Webber

Die Musik von Jason Brown ist gefällig, dient im Wesentlichen ohne auffälligen eigenen Charakter der sprachlichen Intensivierung des Textes, schwingt sich bei großen Gefühlen auch mal zu lyrischen Bögen auf. Man hört hübsche, meist aber kurztaktige, kaum eigenständige Melodien, unkomplizierte Dynamiken, zu Beginn mehrfach Anklänge an Andrew Lloyd Webber. Ein in sich im Wesentlichen geschlossenes Musikstück ist ein flotter Walzer.

Regisseur Müller lässt sehr bewegt spielen, umso stärker wirken die sehr ruhigen, aber hoch spannungsgeladenen Sequenzen sich schier explosiv öffnender rauschhafter Liebe. Robert: „Jetzt habe ich das Gefühl, wer etwas finden will, der kommt am besten vom Weg ab.“ Der Regisseur schiebt dramaturgisch klug unterschiedliche Handlungsebenen auf der Simultanbühne ineinander, steigert so die Spannung. Die Darsteller bauen selbst um; Stühlestellen gerät regielich schon mal zu Freiübungen.

Die Schauspieler singen alle mit hübschen, aber vibratolosen Musicalstimmen, sprechen sehr schön. Dass die Sprechstimmen über Körpermikrofone verstärkt werden, ist höchst überflüssig, brachte schon mal kehlköpfigen Donnerhall. Zehn Musiker spielten live unter Leitung von Heiko Lippmann.

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