Für ein besseres Leben in Indien und gegen die gefühlte Machtlosigkeit daheim

Schwäbische.de

Fest verankert in der SZ-Weihnachtsaktion „Helfen bringt Freude“ ist das Indienprojekt der Gebhard-Müller-Schule (GMS) Biberach. Auf drei Säulen steht das Engagement, für das die Schüler und Lehrer regelmäßig um die 18 000 Euro einsetzen. Auch dank der SZ-Leser und ihrer Spenden.

Nach den Lock-downs

Seit Januar 2022 normalisiert sich nach zwei Corona-Jahren der tägliche Schulbetrieb. Derzeit besuchen 45 Schulkinder die spendenfinanzierte Kerala-Bhakar-Schule in Rajasthan in Nordwestindien, bald sollen es wieder 60 bis 70 Kinder sein. Der Unterricht im Gebäude war von der indischen Regierung für knapp zwei Jahre verboten worden, so dass die Lehrer dezentralen Unterricht auf den Dorfplätzen und in den Häusern der Schüler abgehalten haben.

Menschen mit Nahrung am Leben erhalten

Die Pandemie hat die armen Familien in noch größere Armut gestürzt, berichtet Ralph Lang, Religions- und Vertrauenslehrer an der GMS. Die Regierung habe zeitweise die Steinbrüche geschlossen, in denen die Familien ihren Lebensunterhalt verdienen. Durch einen Extraspendenaufruf konnten, wie bereits berichtet, Nahrungsmittel finanziert werden. „Wir haben die Menschen schlicht am Leben erhalten.“ Denn eine soziale Sicherung wie in Deutschland gebe es in Indien nicht.

Schüler und Lehrer legen zusammen

Seit 2014 unterstützt die GMS Menschen in Indien. Kurz vor Weihnachten spenden die Schüler jedes Jahr für das Projekt. 2500 bis 4500 Euro kommen dabei jährlich zusammen. Das sei beachtlich, sagt Lang, wenn man bedenkt, dass die meisten Schüler kein eigenes Einkommen haben. Eine ähnlich hohe Summe spenden die etwa 85 Lehrer der Schule. Großzügige Gaben aus Langs Bekanntenkreis und dem Umfeld der Schule sowie 3000 Euro oder mehr von den SZ-Lesern ergeben das Kapital, mit dem sich das Leben der Menschen in Rajasthan verbessert. In regelmäßigen Konferenzen via Skype halten Lang und die Schüler Kontakt zu den Partnern in Indien. Wichtig sei die kontinuierliche Unterstützung der Projekte, sagt der Pädagoge.

Eltern sterben mit Mitte 30

Die zweite Säule des Engagements der GMS bildet der fortwährende Kampf gegen die tödliche Staublungenkrankheit. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen, die in Indien im Steinbruch arbeiten, liege bei Mitte 30. Durch Spenden werden mobile Ärzteteams, Gesundheitsunterricht in den Dörfern, Arbeitsschutzmaßnahmen und Betreuung der Kranken und der hinterbliebenen Familien, die mit dem Tod des Ernährers auch das Familieneinkommen verlieren, finanziert. Dies sei ein wichtiger Kampf, denn wenn ein Elternteil an der Staublungenkrankheit stirbt, müssen die Kinder im Steinbruch arbeiten statt zur Schule zu gehen. Auch die Steinbruchbesitzer würden einbezogen, Schutzmasken verteilt. Die Kinder selbst wirkten durch die Aufklärung auf ihre Eltern ein. Jeder in dem Gebiet kennt jemand, der an einer Staublunge gestorben ist. Schon mit fünf Euro für Prävention lasse sich ein Menschenleben retten, hat ein Ärztepaar errechnet, das vor Ort aktiv ist.

Förderunterricht für begabte Kinder

Als dritte Säule wurde im vergangenen Schuljahr ein neues Projekt gestartet, um besonders begabten Schülern eine höhere Schulbildungskarriere zu ermöglichen. Die GMS mache gerade mit diesem Pilotprojekt erste Erfahrungen, berichtet Lang. Es sind oft Mädchen, die sich als begabt herausstellen. Doch in der patriarchalischen Gesellschaft brauche es Überzeugungsarbeit, dass Eltern ihre Töchter überhaupt zur Schule schicken. In dem Gebiet um die Schule könnten lediglich zehn bis 20 Prozent der Frauen lesen und schreiben. Die Mädchen müssen Kilometer weit laufen, um Wasser zu holen. Auch deshalb hat die GMS Zisternen finanziert, in denen Regenwasser gesammelt wird. So bleibt Mädchen Zeit für Schule und beispielsweise Arbeit im Gemüsegarten, der der Familie zusätzliche Nahrung liefert. Von einem Dominoeffekt spricht Ralph Lang hier.

Begabte Kinder erhalten über die Spendengelder Förderunterricht und Nachhilfe, wenn sie eine weiterführende Schule besuchen. Das eigene Elternhaus kann meist nicht helfen. Es ist eher umgekehrt, dass die Kinder ihren Eltern Bildung vermitteln, sie beispielsweise lehren, ihren Lohn nachzuzählen. Minimum drei Jahre sollen die Schüler gefördert werden, um zu sehen, wie wirkungsvoll das Instrument ist. Erste Rückmeldungen sind positiv. Sein Traum, sagt Lang, wäre, dass ein Mädchen aus der Kerala-Bhakar-Schule eines Tages dorthin als Lehrerin zurückkehrt. Das würde einen Windschatteneffekt mit sich bringen, denkt Lang, denn Lehrer sind in Indien hoch angesehen.

Raus aus der gefühlten Machtlosigkeit

Aber die Spenden unterstützen nicht nur die Menschen in Rajasthan, sagt Lang. Ihr Engagement helfe den Schülern in Biberach über ihre gefühlte Machtlosigkeit hinweg. Ob Corona, Klimakrise, Ukraine-Krieg und nun drohende Rezession: Zwischen 16 und 20 Jahren nehme man die Weltlage sehr sensibel wahr, weiß Lang. Durch ihre Mitarbeit erlebten die Schüler, „wie sie aktiv das Leben der Menschen in Indien zum Besseren verändern können, aber auch, wie privilegiert wir in Deutschland sind und: Wie wertvoll Schulbildung tatsächlich ist“.

Wir haben die allgemeine Kommentarfunktion unter unseren Texten abgeschaltet. Für einzelne Texte wird es auch weiterhin die Möglichkeit zum Austausch geben. Aufgrund der Vielzahl an Kommentaren können wir derzeit aber keine gründliche Moderation mehr gewährleisten. Mehr Informationen zu unseren Beweggründen finden Sie hier.
Kommentare werden geladen

Mehr Inhalte zum Dossier

Persönliche Vorschläge für Sie