„Frauen sind zentrales Thema der Integrationsarbeit“

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 Marion Martin ist verantwortlich für den Begegnungstreff „Livingroom“ in Biberach.
Marion Martin ist verantwortlich für den Begegnungstreff „Livingroom“ in Biberach. (Foto: Tanja Bosch)

Der „Livingroom“ ist ein Begegnungstreff für Geflüchtete und Einheimische. Er befindet sich in der Biberacher Innenstadt in der Waaghausstraße und ist eine Initiative der ökumenischen Flüchtlingsarbeit von Caritas und Diakonie. Mittlerweile hat sich der „Livingroom“ etabliert und bietet verschiedene Projekte an. Ab März soll es ein Kunstprojekt von und mit geflüchteten Frauen geben, deshalb geht ein Teil der Spenden der SZ-Weihnachtsaktion „Helfen bringt Freude“ an dieses Projekt. SZ-Redakteurin Tanja Bosch hat mit Marion Martin von der Caritas über geflüchtete Frauen und das Kunstprojekt gesprochen.

Frau Martin, warum ist es so wichtig, ein Projekt nur für Frauen anzubieten?

Marion Martin: Wir wollen vor allen Dingen am Thema Frauen dranbleiben. Es ist ein zentrales Thema der Integrationsarbeit, für das man allerdings einen langen Atem braucht, wenn man nachhaltig etwas verändern und die Rolle der Frau stärken möchte. Nicht alle Angebote in diesem Bereich sind auf Anhieb erfolgreich. Es sind niemals Selbstläufer. Man braucht immer den direkten Kontakt und vor allem auch das Vertrauen der Frauen und deren Männer. Oftmals lässt der Mann seine Frau nicht an Projekten teilnehmen, weil er Vorbehalte hat. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren ganz unterschiedliche Angebote gemacht. Manches wurde angenommen, manches aber eben auch nicht. An den guten Erfahrungen wollen wir anknüpfen.

Was ist das Besondere an diesem Kunstprojekt?

Es soll ein „safe space“, also ein sicherer Ort sein, an dem sich die Frauen unter Frauen austauschen und ausprobieren können. Idealerweise ist dies auch ein Ausgangspunkt für weitere Projekte, die von den Frauen selbst kommen. Aber das ist im Moment noch Zukunftsmusik.

Wie ist das Kunstprojekt zustande gekommen?

Es geht aus dem Empowerment-Angebot hervor, das wir bereits in den vergangenen anderthalb Jahren dort angeboten haben. Es soll ein für alle offenes, lockeres Angebot sein, aus dem heraus sich idealerweise weitere Bedarfe und damit auch Projekte ergeben. Verantwortlich sind unsere Ehrenamtliche, Frau Eßer, und eine Geflüchtete aus Afghanistan, die selbst Künstlerin ist.

Welche Erfahrungen machen Sie und Ihr Team mit geflüchteten Frauen?

Ganz unterschiedliche. Das einzige Problem, das wirklich alle Frauen haben, zu denen ich Kontakt habe: Alle sagen, sie stehen sehr stark unter Druck und das aus ganz verschiedenen Gründen. Die Aufnahmegesellschaft stellt die Anforderung, sich möglichst schnell in die westliche Gesellschaft zu integrieren und sich unserer Lebensform anzupassen. Der Ehemann hat Vorstellungen und kämpft gleichzeitig mit seinem eigenen Rollenverlust, die Gemeinschaft macht Druck. Die Frauen fühlen sich dann oft „irgendwie dazwischen“.

Welche Probleme haben diese Frauen?

Es gibt aus meiner Sicht nicht „die Geflüchtete“ und somit auch nicht „die Probleme“ einer geflüchteten Frau. Die Gruppe der geflüchteten Frauen ist sehr heterogen. Die eine stand in Aleppo kurz vor der Promotion, die andere hat noch nie eine Schule besucht. Die einen sind sehr stark nach innen, also auf alles Hausinterne und die Familie orientiert, und versuchen primär, ihre Familie zusammenzuhalten und zu stabilisieren. Andere gehen stärker nach außen, suchen zum Beispiel aktiv einen Sprachkurs und eine Arbeit, was sich nicht immer einfach gestaltet. Viele Frauen würden gerne einen Sprachkurs besuchen, haben aber kleine Kinder und keine Betreuung für die Zeit des Kurses.

Gibt es noch andere Projekte für Frauen?

Parallel zum Kunstprojekt werden wir ab Frühjahr Stadtspaziergänge von und mit Frauen anbieten. Viele Frauen sind überwiegend zu Hause. Ihr Ort ist ihre Wohnung, nicht der öffentliche Raum. Zentraler Marker für die Integration ist aber unter anderem sich den öffentlichen Raum zu eigen zu machen, das heißt, den öffentlichen Raum zum „eigenen“ zu machen. Daran wollen wir mit diesem Format arbeiten. Ob es klappt, wissen wir nicht. Aber wir bleiben an diesem Thema dran, auch wenn es Rückschläge gibt. In diesem Bereich braucht man wie gesagt einen sehr langen Atem und eine hohe Frustrationstoleranz.

Was passiert mit den Spenden?

Die Spenden würden wir gerne für jegliche Art von Materialien benutzen, also Farben, Stifte, Pinsel, Leinwände und Papier. Und dann würden wir gerne flexibel auf Bedarfe reagieren, die aus der Gruppe heraus von den Frauen benannt werden. Mit der Spende können wir diesbezüglich größere Sprünge machen.

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