Farbenpracht und Formenreichtum

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Laudator Clemens Ottnad, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Biberach Martin Bücher, Künstler Hans Vinzenz Seidl und Kurato
Laudator Clemens Ottnad, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Biberach Martin Bücher, Künstler Hans Vinzenz Seidl und Kuratorin Barbara Renftle vor Werken Seidls. (Foto: Günter Vogel)

Hans Vinzenz Seidl zeigt bei der Stiftung SBC – pro arte ab sofort seine Kunst. Der Freudenstadter Maler nennt seine Ausstellung „Shapes of Memories“, „Formen der Erinnerungen“. Seine ausgestellten Werke pflegten gestaltungsstark Erinnerungen jedweder Art.

Zu Beginn der Vernissage stellte der Vorstandsvorsitzende der Kreissparkasse, Martin Bücher, den Künstler und seine Entwicklung vor, sprach darüber, dass die Galerie pro arte regelmäßig jungen Künstlern ein Podium bietet, um ihre Arbeiten einem größeren Publikum vorstellen zu können. Martin Bücher stellte auch einen jungen Komponisten vor: Philippe Wozniak beschäftigt sich mit elektroakustischem Klang, zwei seiner Werke waren bei der Vernissage zu hören. Der Musiker und der Maler sind seit der gemeinsamen Zeit im Internat Schloss Salem befreundet.

Der Kunsthistoriker Clemens Ottnad gab die künstlerische Einführung in Seidls Arbeiten.

Er sprach über den Mathematiker Benoît Mandelbrot und dessen Theorie der Frakturen mit der Möglichkeit, gebrochene Linien und ruhe Oberflächen exakt zu berechnen, schlug dann den Bogen zu Seidl: „Zwischen Ozean und Sternen, allerhand faszinierenden Mollusken und Frakturen bewegen sich auch die Arbeiten von Hans Vinzenz Seidl.“ Und weiter: „Die Bilder und Videoarbeiten des Künstlers erinnern wie die computergenerierten Mandelbrot-Grafiken an eine gegenständlich-figürliche Motivik, sind zugleich offensichtlich einfach informell freie Farbkompositionen.“ Ottnad gibt dann sehr interessante detaillierte Erläuterungen zu Seidls Arbeiten: „Seidl collagiert und verschichtet beispielsweise Teile einer Landkarte mit Farbe, sodass nur noch einzelne Partien und Bezeichnungen von Orten und anderen Gegenden zu entziffern sind. Zudem sind auf der über den tiefen Objektkastenrahmen zusätzlich komplexe grafische Strukturen angelegt. Farbe liegt über Farbe, dazwischen ein Abstand, der alle möglichen Reflexi-onen und Blickirritationen ermöglicht. Eine semitransparente Ornamentik breitet sich aus“ Ottnad stellt dann die von Seidl erfundene neue Maltechnik des Künstlers vor. Auf einer waagerechten Glasscheibe bringt er kleinste Mengen einer „Ferrofluid“ genannten öligen Flüssigkeit auf. Unter der Scheibe wird ein Magnet bewegt, der das Ferrofluid dazu bringt, unterschiedliche grafische Strukturen und Flächen auszubilden, die später aushärten. Ottnad spricht von „barock ausschweifender Überfülle Seidlscher Formenwelt, die teilweise in einer bis an die Grenzen des Kitsches reichender Farbgebung geradezu gefährliche Liebschaften eingeht.“ Der Laudator erläuterte sehr bildhaft die Videoarbeiten des Künstlers: „Hier wird das geheime, irgendwie so ganz unirdische Leben von Linie und Licht, Fläche, Form und Farbe, dem unser Künstler stetig auf der Spur zu sein scheint, eindrucksvoll vor Augen geführt.“

Komponist Philippe Wozniak sprach kurz über das Bild, das man üblicherweise vom Komponisten hat, zitiert dazu seinen Tonsetzerkollegen Reinhard Karger, der seine Berufsgruppe 1988 „Fossil im Medienzeitalter“ nannte und meinte „in jedem Komponisten steckt ein kleiner Beethoven, der sich in heldenhaftem Kampf zur ureigenen, unverwechselbaren Kunstsprache durchringen will.“

Von Wozniak waren zwei interessante, gerade erst entstandene Kompositionen für Oboe und Englischhorn zu hören: „Shapes of Memories“, gleich betitelt wie die Ausstellung und „Ecdysis“. Beide Werke verführen zum genauen Hinhören, sind von expressionistischer disharmonischer Melodiösität mit spielerisch dramatisch umeinander- und miteinander tanzenden Phrasen. Ein außergewöhnliches Klanggeschehen.

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