Für immer Paul

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Auf Paul Blanks Grabstein wird sein Name stehen. Sein Freund, der Fotograf Andreas Reiner, hat dafür gesorgt, dass seine Urne ni
(Foto: Andreas Reiner)
Gerd Mägerle

Paul Blank aus Galmutshöfen war 82 Jahre alt, als er am 2. Juni in der Biberacher Klinik starb. Weil sich innerhalb der gesetzlichen Frist keine Angehörigen fanden, wäre seine Urne anonym auf dem Biberacher Stadtfriedhof beerdigt worden. Mit einer ungewöhnlichen Aktion schaffte es sein Freund und Nachbar, der Fotograf Andreas Reiner, dass Paul Blank am Dienstag, 14 Uhr, in Warthausen beigesetzt wird – und dass sein Name auf dem Grab steht.

„Paul war ein einfacher, zufriedener Mann“, sagt Reiner, „ich hab’ ihn einfach gemocht.“ Seit der Fotograf vor rund vier Jahren von Biberach in ein Bauernhaus nach Galmutshöfen gezogen ist, saß er oft mit dem alten alleinstehenden Mann in der Küche, hat mit ihm über Gott und die Welt geschwätzt und Bier getrunken. Als Reiner mitbekam, dass sein Freund gerne Akkordeon spielt, besorgte er sich eine Tuba und beide machten zusammen jede Woche Stubenmusik. „Polka, Walzer – der Paul hat alles gespielt und ich hab’ halt mitgehupt. Paul ist da richtig aufgeblüht. Der hat unter der Woche daheim geübt und sich immer schon auf die nächste Stubenmusik gefreut“, sagt Reiner. Andere soziale Kontakte habe Paul kaum gehabt. „Es gab wohl einen Bruder, den er aber vor 30 Jahren zuletzt gesehen hat und auch von einer Nichte weiß ich nur vom Hörensagen.“

Ende Mai stürzte Paul und war zu schwach, sich selbst zu helfen. Mit dem Rettungswagen kam er in die Biberacher Klinik. „Er wollte unbedingt wieder heim, aber er hat von Tag zu Tag gesundheitlich mehr abgebaut“, sagt Andreas Reiner. Am 2. Juni starb er. „Mir war gleich klar, dass das auf eine anonyme Bestattung hinausläuft“, erzählt Reiner, der nebenher schon für ein Bestattungsunternehmen gearbeitet hat. „Ich wusste ja, dass Paul ewig keinen Kontakt mehr zu Angehörigen hatte.“ Tatsächlich gelang es der Stadt nicht, Angehörige zu ermitteln. Paul Blanks Leiche wurde eingeäschert und eine anonyme Bestattung angeordnet. „Ich hab’ nichts gegen eine anonyme Bestattung, wenn das jemand möchte, aber der Paul hat sich das nicht rausgesucht“, meint Andreas Reiner. Die Vorstellung, dass der Freund mit dem Tod auch seinen Namen verliert und in der Erde verschwindet ohne für ihn oder andere Bekannte je wieder auffindbar zu sein, machte den Fotografen traurig, aber auch wütend. „Dieses Zwangsanonymisieren gehört abgeschafft“, findet er und hofft, dass Pauls Schicksal zum Nachdenken anregt: „Jeden einzelnen, über die Art, wie er bestattet sein möchte und die Kommunen, ob es in solchen Fällen zwingend anonym sein muss.“

Bei der Biberacher Stadtverwaltung zeigte man sich kooperativ, als Reiner dort vorsprach – sofern er die rund 400 Euro Mehrkosten für eine reguläre Bestattung der Urne aufbringe. Per Aufruf im sozialen Netzwerk Facebook mobilisierte er seinen großen Bekanntenkreis, außerdem war er mit der Sammelbüchse im Dorf unterwegs. „Jetzt habe ich 1500 Euro zusammen und Paul bekommt seine Beerdigung in Warthausen – mit Namen auf dem Grabstein“, sagt er. Die Spenden dafür seien aus dem ganzen Bundesgebiet gekommen. „Viele haben mir geschrieben, dass sie gar nicht wussten, dass es diese Art der anonymen Bestattung gibt“, sagt Reiner.

„Er hätte Tränen in den Augen“

Unterstützt wurde er auch vom Bestattungshaus Strobl in Warthausen, das für ordnungsrechtliche Bestattungen in Biberach zuständig ist. Mitinhaberin Franziska Strobl kannte Paul Blank ebenfalls. „Ich bin sicher, er hätte Tränen in den Augen, wenn er sehen würde, was viele Menschen nun für ihn ermöglicht haben“, sagt sie, kann aber auch nachvollziehen, dass Kommunen für solche Fälle Regelungen treffen und die Kosten im Blick behalten müssen. „Die Stadtverwaltung Biberach hat sich in diesem Fall wirklich toll verhalten.“

Zusammen mit Andreas Reiner hat Franziska Strobl die Beerdigung vorbereitet. Der Pfarrer wird da sein und es wird Musik geben. Der Stuhl, auf dem Paul Blank beim Musizieren immer saß und sein Akkordeon sollen ebenfalls eine Rolle spielen. „Jetzt wünsche ich mir, dass auch ein paar Menschen kommen, die ihn gekannt haben“, sagt Franziska Strobl. Für Andreas Reiner ist nur wichtig, dass sein Freund durch den Tod nicht in der Anonymität verschwindet, sondern für immer Paul bleibt.

Stichwort: Ordnungsrechtliche Bestattung

Gibt es bei einem Verstorbenen keine Angehörigen, die sich um die Bestattung kümmern, hat das Ordnungsamt der Kommune, in der sich der Todesfall ereignet hat, 96 Stunden Zeit, um mögliche Angehörige zu ermitteln. „Wenn das nicht gelingt, muss die Stadt die Bestattung anordnen“, sagt Andrea Appel, Pressesprecherin der Stadt Biberach. „Einfach, aber würdevoll“ solle eine solche ordnungsrechtliche Bestattung sein. In Biberach bedeutet dies eine Feuerbestattung und eine anonyme Beisetzung. Die Kosten von rund 1000 Euro trägt dabei die Stadt. Ob die Beisetzung anonym oder nicht erfolgt, regelt jede Kommune selbst. „Gemeinden, die nicht über ein anonymes Grabfeld auf dem Friedhof verfügen, handhaben das möglicherweise anders, in Biberach erfolgt eine ordnungsrechtliche Bestattung immer anonym“, sagt Appel. Ihre Zahl hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Waren es 2010 noch fünf Fälle, so waren es 2014 bereits zehn.

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