„Erwartungen an Landwirte nicht erfüllbar“

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„Mehr tun für die Artenvielfalt und Biodiversität“, dafür werben (von links) Erster Landesbeamter Walter Holderried, Klemens und
„Mehr tun für die Artenvielfalt und Biodiversität“, dafür werben (von links) Erster Landesbeamter Walter Holderried, Klemens und Johanna Weber (Landwirte) Professor Martin Dieterich (Uni Hohenheim), Jürgen Kley (Stadt Biberach), und LEV-Geschäftsführer Peter Heffner. (Foto: LEV)
Schwäbische Zeitung

Rund 40 Teilnehmer aus dem Landkreis, darunter Kreisräte, Bürgermeister, Vertreter des Regierungspräsidiums Tübingen, der Landwirtschaft und des Naturschutzes nahmen an der Startveranstaltung „Runder Tisch für Artenvielfalt im Landkreis Biberach“ teil. Nach dem erfolgreichen Verlauf und einem intensiven fachlichen Austausch wünschen sich die Teilnehmer unisono eine Fortführung und Ausweitung des Formats. Das teilt der Landschaftserhaltungsverband Landkreis Biberach (LEV) in einer Pressemeldung mit.

„Alle reden vom Artenschutz, und nur wenig geht voran“, „Jeder will mehr Biodiversität, aber nur nicht bei sich selbst“: Mit diesen zwei plakativen Zitaten eröffnete Walter Holderried, der Erste Landesbeamte und Vertreter des Landrats im LEV, die Veranstaltung im Musikerheim in Ingoldingen. Bereits zum Start des LEV vor einem Jahr habe sich gezeigt, dass das Thema „Biodiversität“ bei den LEV-Mitgliedern, dem Landkreis, den Städten und Gemeinden sowie den kreisweiten Verbänden angekommen sei, so Holderried. Mehr Blühflächen und Strukturen in der Landschaft, die Anlage und Pflege von Feldhecken, Kleingewässern und Streuobstwiesen, eine Allianz für Niederwild, mehr Umweltbildung und so weiter wurden deutlich beim LEV adressiert. Deshalb habe der LEV einen runden Tisch ins Leben gerufen. Im Austausch von Kommunen, Landwirtschaft und Naturschutz sollen konkrete „Wege aus der Praxis für die Praxis“ gegangen werden.

Professor Martin Dieterich vom Institut für Landschafts- und Pflanzenökologie der Universität Hohenheim ging auf die Biodiversität im Offenland und Handlungsbedarfe für mehr Artenvielfalt ein. Die Gesellschaft habe vielfältige Erwartungen an die Landwirte: „Mehr Produktion auf weniger Fläche mit viel mehr Natur“ – eine so nicht erfüllbare Forderung, meinte Dieterich. Man müsse die Grenzen der Leistungsfähigkeit der Ökosysteme erkennen und umdenken. Das sei nicht einfach. Biologische Vielfalt sei vergleichbar mit unseren „grauen Zellen“, zum Überleben der Menschheit unerlässlich und gleichrangig mit den existenziellen Bedürfnissen der Menschen.

Die Intensivierung der Landnutzung im Offenland und den drastischen Rückgang von Feldvögeln, Insekten, Ackerwildkräutern und artenreichem Grünland veranschaulichte er mit harten Fakten und Zahlen. Maßnahmen in Ackerbau und Grünland, mechanische Unkrautbekämpfung statt Herbizide, späte Stoppelbearbeitung, Buntbrachen, Reduzierung von Schnitthäufigkeit und Düngung könnten über einen kooperativen Naturschutz mit der Landwirtschaft zielorientiert gelingen, ohne die Landnutzung zu überfordern, so Dieterich. Dafür steht auch der LEV.

Eindrücklich belegte Dieterich die „Wertschöpfungskette Kulturlandschaft“. Der Tourismus im Land könne nur deshalb boomen, weil die Landwirtschaft im Ländlichen Raum ein Mehrfaches des Produktionswerts der Produkte schaffe, indem sie Kulturlandschaften pflege. Er plädierte nachdrücklich für einen intensiven Dialog zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft.

Jürgen Kley vom Stadtplanungsamt Biberach stellte dar, wie Biodiversität im Siedlungsbereich von Kommunen und Privaten mit einfachen Mitteln, aber wirkungsvoll umgesetzt werden kann. Die Stadt habe seit Jahren bestehende Grünflächen auf naturnahe, gebietsheimische Pflanzungen und Nutzungen umgestellt und Wildkäuter- und artenreiche Wiesenmischungen eingesät. Aktuelle Grünkonzeptionen wie in Mettenberg und Rindenmoos tragen dem Wunsch von Ortschaftsräten und Bürgern nach nachhaltigen Grünanlagen als Natur-, Retentions- und Spielraum Rechnung. Ausschlaggebend, so Kley, sei motiviertes und geschultes Personal, um mehr Artenvielfalt in die Fläche bringen zu können. Neue Ideen zur Gestaltung von Hausgärten, weg von steinernen Gärten und hin zu naturnahen, seien in Vorbereitung.

Johanna und Klemens Weber aus Bellamont informierten in einem erfrischenden Vortrag über ihr Projekt „Blühpatenschaften“. Rund eineinhalb Hektar Acker hatten sie im Frühjahr aus der landwirtschaftlichen Produktion genommen und „Blühpaten“ für die Anlage von Blühflächen angeboten. Antrieb war, als Landwirte etwas für die Insekten tun. Mehr als 50 Personen beteiligten sich mit 30 bis 50 Euro für entsprechende Flächen. „Geerntet habe ich schon viel auf meinen Äckern“, so Landwirt Weber; „aber so viel Lob wie bei der Aktion noch nie.“ 2020 will er das Projekt ausbauen.

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