Erhalt und Abriss liegen nah beieinander

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Redaktionsleiter

Zwölf verschiedene Programmpunkte hatten das Stadtmarketing und der Verein Stadtforum Biberach zum Tag des offenen Denkmals in Biberach organisiert. Hunderte Besucher nahmen bei schönstem Wetter die Gelegenheit wahr, in verschiedene Epochen der Stadtgeschichte einzutauchen und Gebäude zu besichtigen, in die man sonst nicht hineinkommt. Die SZ hat sich zwei besondere Programmpunkte herausgepickt.

Schulstraße 26: Inzwischen handelt es sich bei dem Gebäude nachweislich zumindest in Teilen um das älteste Haus Biberachs (SZ berichtete). Dies hat eine dendrochronologische Untersuchung der Bauhölzer ergeben, wie Zimmermeister und Restaurator Bernd Otto bei vier Führungen durch das Gebäude am Sonntag erläuterte. Alle Führungen waren mit jeweils 20 Interessierten komplett ausgebucht. Kein Wunder, denn in das zurzeit leer stehende städtische Gebäude kommt man sonst nicht hinein. „Ich hatte schon länger ein Auge auf das Gebäude geworfen“, sagte Otto. Er vermutete, dass sich hinter der unscheinbaren und bröckelnden Fassade eine kleine Sensation verbarg. „Ich bin nach dem Studium alter Akten davon ausgegangen, dass das Gebäude den Stadtbrand von 1516 überstanden haben musste.“

Als er 2016 mit einem von ihm geleiteten Restauratorenkurs des Zimmerer-Ausbildungszentrums von der Stadt die Erlaubnis erhielt, das Gebäude näher zu untersuchen, dauerte es nicht lange, bis die erhoffte Sensation zur Tatsache wurde. Die Art, wie die Aussteifung der tragenden Holzkonstruktion des Hauses ausgeführt war, legte die Vermutung nahe, dass Teile des Gebäudes aus der Zeit vor 1500 stammen. Die Untersuchung lieferte das Ergebnis, dass einige tragende Eichenbalken bereits 1316 gefällt und verbaut worden sein mussten. Damit ist das Haus in Teilen etwas älter als das Haus in der Zeughausgasse 4, das bislang als ältestes Gebäude der Stadt galt.

Otto führte die Besucher auf engen Treppen zunächst hinab in den Gewölbekeller. Kleine Nischen in den Wänden seien damals genutzt worden, um dort Kerzen aufzustellen. „Für mich ist das ein Zeichen, dass hier gearbeitet wurde, möglicherweise mit Webstühlen“, so Otto.

Im ersten Obergeschoss waren Löcher in die Wandverkleidung gesägt worden, hinter denen die mittelalterliche Balkenkonstruktion zum Vorschein kam. Im zweiten Obergeschoss lenkte Otto den Blick der Besucher auf eine barocke Tür mit wunderbar geschmiedeten Beschlägen.

Das Haus Schulstraße 26 bilde eine Einheit mit dem Nachbargebäude. „Ursprünglich war das ein Haus“, sagte Otto. Weil Teile der Balken durch beide Gebäude laufen, werde eine Sanierung des Gebäudes nicht einfach, vermutete er. „Da muss man mit größter Vorsicht rangehen.“ Was aus dem Gebäude werden soll, ist derzeit noch nicht klar.

Rund um den Gießübel: Genauso unklar ist es, wie es mit dem Steigerlager am Gießübelplatz weitergehen soll. „Steigerlager – 6000 Quadratmeter Fläche und keine Idee?“ stand auf einem Plakat geschrieben, das Teil der vom Stadtforum Biberach initiierten Ausstellung „Fachwerk trifft auf Beton“ ist. Fotos machten deutlich, wie das Gebäude immer weiter verfällt. Alte Zeitungsartikel zeigten die seit Jahren andauernden Diskussionen über die Zukunft des Areals auf.

Als Kontrast prangten daneben Aufnahmen von Altstadthäuschen, denen ihr stattliches Alter einen ganz besonderen Charme verleiht. Das Steigerlager dagegen wird mit voranschreitender Zeit zu einem immer größeren Schandfleck Biberachs. „Nach einem Rundgang mit einem Experten halten wir einen Abriss des Steigerlagers für unumgänglich“, sagte Hagen Vollmer, Vorsitzender des Vereins Stadtforum Biberach, im Gespräch mit der SZ. Eine Sanierung des Gebäudes würde Kosten bedeuten, die in einer Miete nicht mehr darstellbar wären. Warum das Konzept nicht funktioniert habe, lasse ihn „ein bisschen ratlos“ zurück, sei es im Grunde doch stimmig gewesen.

Neben der Ausstellung bot der Verein weitere Programmpunkte. So gab es auch zwei kurze Lesungen, die das Weltgeschehen während des Dreißigjährigen Kriegs zum Thema hatten. Die Erzählungen wurden aus einem Erkerturm heraus vorgetragen, was ein nasses Vergnügen werden konnte, sollte man als Zuhörer zu dicht unter dem Fenster stehen. Denn der Erzähler schüttete einen Eimer voll Wasser von oben herab, um die Geschichte rund um den Gießübel erlebbarer zu machen. In dem Turm wurden nämlich einst Kleinkriminelle und „leichte Mädchen“ mit einem Guss kalten Wassers traktiert. Der Gießübelturm in seiner ursprünglichen Form steht nicht mehr, weil ihn die Schweden während des Dreißigjährigen Kriegs zerstört haben.

Mehr über das einstige Leben in dem Quartier erfuhren die Besucher bei zwei Führungen. Das Interesse daran war groß. Beim ersten Rundgang seien etwa 50 Teilnehmer dabei gewesen, beim zweiten 35 Menschen, wie Hagen Vollmer berichtet. Die Tour führte quer durch das Quartier, Stationen waren unter anderem das Haus des Handwerks, der Weberkeller oder das Geburtshaus des Bildhauers Ernst Rau. Dieser Teil der Stadt war Wohnstätte vieler städtischer Werkmeister, Handwerker und Weber. Auch eine Brauerei befand sind dort.

Hagen Vollmer zeigte sich mit dem Verlauf des Tags des offenen Denkmals am Sonntagnachmittag zufrieden: „Wir sind dankbar und froh, dass die Veranstaltung so gut angenommen wird. Auch in Anbetracht der vielen Veranstaltungen im Umland“, sagte Vollmer. Für ihn sei es eine Freude zu sehen, wie die Mitglieder des Stadtforums mit anpackten. Dies schaffe eine Identifikation mit dem Verein.

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