Eine literarische Institution ist zurück

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Sandra Binder, Kerstin Bönsch, Sarah Seidel (stehend, von links) sowie Manfred Buck (links) und Stefan Brand haben den Literaris
Sandra Binder, Kerstin Bönsch, Sarah Seidel (stehend, von links) sowie Manfred Buck (links) und Stefan Brand haben den Literarischen Salon inhaltlich bestückt. (Foto: Günter vogel)

Ein „literarischer Salon“ war vom 18. bis etwa 20. Jahrhundert ein zumeist privater gesellschaftlicher Treffpunkt für Diskussionen, Lesungen oder musikalische Veranstaltungen. Vor allem gebildete Frauen betätigten sich als Gastgeberinnen; man nannte sie „Salonnière“. Eine der ersten dieses Genres war die mit Christoph Martin Wieland verlobt gewesene Sophie von La Roche, eine Schriftstellerin, die in der Zeit der Aufklärung im Stil der Empfindsamkeit schrieb. Nun hatte Kerstin Bönsch, Geschäftsführerin der Wielandstiftung, zu ihrem dritten literarischen Salon in das Komödienhaus geladen.

Manfred Buck, Vorsitzender des Dramatischen Vereins, eröffnete den Reigen derer, die ihre Lieblingslektüre vorstellten, mit „Letzte Lieder" von Stefan Weiller von 2017. Der Autor erzählt Geschichten mit und über Musik zum Lebensende kranker Menschen. Weiller führte Gespräche mit Sterbenden im Hospiz und dort, wo Menschen den letzten Weg erleben. Und immer wieder geht es um die Musik des Lebens, um Werte und Lebensqualität, die in jeder Lebensphase zu finden sind. Die Geschichten offenbaren, dass die letzte Lebensphase nicht immer nur Trauer, Stille und Krankheit, sondern auch Zuversicht, Liebe und Menschlichkeit bedeutet. Im Vorwort schrieb Christoph Maria Herbst: „Stefan Weiller sensibilisiert ganz im Sinne der Hospizidee das Empfinden für den Wert, die Würde, die Einmaligkeit eines jeden gelebten Lebens.“ Gemeinsam mit Kerstin Bönsch las Manfred Buck einen Dialog zwischen einer Frau und einer sterbenden Mann kurz vor dessen Tode.

Die Autorin Sandra Binder las aus ihrem eigenen Buch „Die Frauen von Ballycastle“. Die Geschichte spielt in Belfast in Nord-Irland, beginnt mitten in den bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen der IRA und den Unionisten: Fina Ramsey hat sich mit ihrem kleinen Buchladen einen Traum erfüllt. Aber dann eröffnet ausgerechnet direkt gegenüber eine Filiale der McClarys Bücherkette. Geschäftsführer Liam McClary wird schnell zu Finas Erzfeind. Fina und Liam liefern sich eine E-Mail-Auseinandersetzung, bis sie bei Ihrer demenzkranken Großmutter einen Brief findet, aus dem hervorgeht, dass es ein lang verborgenes Geheimnis gibt. Eine spannend recherchierte Familiengeschichte über starke Frauen und über die Liebe mitten im Nordirlandkonflikt.

Sarah Seidel, Literaturwissenschaftler der Universität Konstanz, hatte über August Gottlieb Meißner, einen der ersten Krimiautoren aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, promoviert. Sie las einige sehr prägnante Beispiele aus seinen Werken. Meißner verlagerte den Schwerpunkt seiner Erzählungen von der Tat und der Bestrafung zu deren psychologischen und sozialen Wurzeln. Christoph Martin Wieland schätzte den 20 Jahre jüngeren Meißner allerdings nicht sehr, hatte über ihn geschrieben: „Meißner ist ein Schriftsteller, von dem ich nur wenig gelesen habe, weil er mich gleich zu Anfang seiner Laufbahn durch ein gewißes air von Unbescheidenheit und großer Meynung von sich selbst abschreckte, das ich an jungen Leuten nicht leiden kann!“ Meißners Darstellungen in den Erzählungen über Verbrechen hatten Friedrich Schiller und Heinrich von Kleist in ihren Werken weiter entwickelt. Die Publikationen Meißners sind mit ihrer Tendenz zur Humanisierung der Rechtsprechung klar als Beitrag zur Aufklärung zu sehen. In einem von Seidel gelesenen Textbeispiel tötete ein Mann sein schlafende Frau, damit sie nicht – wie angekündigt – einen Suizid begehen konnte. Er tat es aus Liebe, um ihre Seele zu retten. Seidel: „Es gibt keinen stärkeren Beweis für Liebe.“

Stefan Brand, Geschäftsführer der Vollmer-Werke, stellte „Udo“, die 2018 erschienene Biografie von Udo Lindenberg vor. Autor Thomas Hüetlin erzählt hier von Aufstieg und Abstürzen des Entertainers, der sich seit den1970er-Jahren erfolgreich im Musikgeschäft behauptet. Der Autor hat für „Udo“ auch mit Familie, Freunden, Wegbegleitern und Mitgliedern seines Orchesters gesprochen. Vom westfälischen Gronau bis ins Hamburger Luxushotel „Atlantic“, wo er heute lebt, geht es durch sieben Jahrzehnte. Hüetlin schreibt einen präzisen journalistischen Stil, kurz, prägnant, spannend hör- und lesbar. Der Autor spricht über ein ungewöhnliches Leben, über ungewöhnliche Verhaltensweisen, über ungewöhnliche Songtexte. Er umgeht nicht die vielfältigen Alkoholprobleme Lindenbergs: „Er ist oft hingefallen und immer wieder aufgestanden.“

Die Moderatorin Kerstin Bönsch führte locker und kompetent durch den Abend, hatte mit jedem der Rezensenten vorab ein kurzes Gespräch über deren Bezug zu dem vorgestellten Werk. Kurze Musikeinblendungen rundeten die Wortbeiträge ab.

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